Krank mit Kleinkindern oder wie man ohne Stimme Schlaflieder singt

Bislang hatten wir ja mit Erkältungen wirklich Glück. Philipp und Hannah sind recht robuste Kinder, ihr Immunsystem ist meist effektiv, doch nun hatten wir erst vor Weihnachten einen, wie ich nun weiß, kleinen Anflug einer Erkältung, denn seit dem letzten Wochenende hängen wir schon wieder in den Seilen, und zwar so richtig. Wobei ich ja gestehen muss: Die lieben Kleinen schlagen sich recht gut, bei Philipp ist gegenwärtig sogar problematischer als der Infekt mit Rotznase, dass er abends nicht mehr schlafen will oder nachts meint, es sei Zeit, aufzustehen. Ansonsten haben die beiden ihre Rotznäschen und springen trotzdem umher. Ich hingegen kämpfe neben Hals- und Kopfweh, Husten und Schnupfen mit einer verlorenen Stimme; und eine fehlende Stimme ist im Umgang mit Kleinkindern äußerst hinderlich. Zumal Philipp und Hannah es nicht gewohnt sind, dass Mama schweigt. Schließlich schreibe ich nicht nur gerne, ich kommuniziere auch mündlich sehr gerne mit meinen Mitmenschen. Außerdem lesen wir viel zusammen. Philipp kennt zwar mittlerweile die Buchstaben des Alphabets, auch weiß er, wie das Wort Bagger oder Frosch aussieht, für einen längeren Text reicht seine Lesekompetenz aber selbstverständlich noch nicht. Immerhin versteht er schon, wenn ich ihm ohne Stimme mit krächzenden rudimentären Lauten erkläre, dass ich gerade schlecht sprechen kann, dass ich nur wenig vorzulesen vermag. Er streichelt mich dann und sagt: Mama jetzt wieder gesund ist! Wie kann ich ihm dann eine Seite seines Buches verwehren? Hannah hingegen hat diese Einsicht noch nicht und gegenwärtig drei Eulenbücher und ein Traktorenbuch, die sie liebt: Mama ei-mal noch lese! Und beharrlich ist sie hierbei. Wieder und wieder kann sie diesen Satz wiederholen. Außerdem ist Ei-mal eigentlich ein permanentes Noch-Einmal, sobald das Buch zu Ende ist.

Ich glaube, ich hatte seit Jahren keinen solch starken Infekt mehr wie zurzeit. Vielleicht liegt es aber auch am Mangel an Schlaf, vielleicht erwischt es mich deshalb so radikal, vielleicht empfinde ich es deshalb umso schlimmer, denn eigentlich habe ich mich die letzten Tage nur nach meinem Bett gesehnt, nach Ruhe, nach einer Pause.

Stattdessen bauten wir Lego-Hubschrauber und ein Haus für Hannah. Wir kochten Holzkarotten mit Pizzastücken und einer Stoffananas auf dem Kinderherd. Ich musste Streit schlichten, Zornesanfälle beim Großen und noch größere bei der Kleinen managen, denn sobald Hannah sich in ihrem Streben nach Autonomie eingeschränkt fühlt, platzt die kleine Hexe beinahe.

Irgendwie habe ich es geschafft, die Kinder auch mit realem Essen zu bekochen, habe sie gebadet bzw. geduscht, sie gewickelt bzw. auf die Toilette gehoben, sie umgezogen, Zähne geputzt, Brote geschmiert, das größte Chaos beseitig und ohne Stimme aber inbrünstig Schlaflieder gesungen. Immer vor Augen den Freitag, denn dieser Freitag war für Florian arbeitsfrei. Ich dachte an kurze Momente der Erholung, an ein Schließen der müden Augen, nachdem wir unseren Termin in der Augenklinik wahrgenommen haben sollten (nebenbei bemerkt: hier war alles okay; keine Stauungspapille bei Hannah). Denn diesen Termin wollte ich, im Gegensatz zu allen anderen in dieser Woche, nicht absagen. Statt einer vollgepackten, abwechslungsreichen Woche (zwei Mal Kindergarten, ein Besuch von der Uroma und der Großtante, ein Besuch von meiner Schwägerin mit meinem kleinen Neffen, Physiotherapie und ein Radrennen), kämpfte ich also gegen Müdigkeit, Langeweile und Krankheit. Langeweile ist ein Wort, dass hier vielleicht Erklärung braucht. Mit zwei kleinen Kindern wird es einerseits natürlich nicht langweilig, doch nur im Kinderspiel, insbesondere in Zusammenhang mit meiner infektbedingten oder -verstärkten Müdigkeit, fällt es schwer, die Minuten auf der Uhr nicht wie Stunden zu empfinden. So gerne ich auch mit meinen Kindern spiele, male, lese; in dieser Situation wollte ich nur abends in mein Bett. Die Zeit wird eine Last, nicht die Kinder. Üblicherweise schlafe ich, wenn ich so stark erkältet bin. Oder starre auf der Couch liegend in das schlechte Fernsehprogramm. Aber der Fernseher läuft bei uns tagsüber nicht, insbesondere wegen der Kinder nicht. Denn irgendwie sind Florian und ich davon überzeugt, dass kleine Kinder ihre Welt nicht durch einen Glaskasten mit bewegten Bildern entdecken sollten. Auch ein Buch hilft normalerweise durch die kranke Zeit, sofern es die müden Augen erlauben, zu lesen. Doch versucht mal mit zwei Kleinkindern zu lesen. Klar, Die Eule mit der Beule kann ich vorlesen, auch Frosch und Kröte, aber Kafkas Biografie tendenziell nicht. Wörterbücher wären noch eine Möglichkeit, da Philipp ständig mit mir meine Wörterbücher lesen möchte. Doch so sehr ich das Deutsche Wörterbuch von Hermann Paul auch schätze; seitenweise am Stück möchte ich es nicht unbedingt lesen. In den letzten Tagen saß ich also primär herum und hoffte auf ein Vergehen der Zeit. Manchmal gelang es, für Kurzweil zu sorgen, zum Beispiel beim gemeinsamen Bemalen einer alten Pappbox. Philipp und Hannah spielen jedoch auch viel miteinander und brauchen mich nur bedingt, fürs Lesen jedoch reicht die gewährte Freiheit dann aber doch nicht. Denn sobald sie sehen, dass ihre Mama etwas anderes macht, brauchen sie selbstverständlich wieder zeitgleich meine gesamte Aufmerksamkeit.

Jedenfalls war ich am Donnerstagabend erleichtert: Vier Tage geschafft, verlängertes Wochenende und nicht mehr alleine mit den Kindern. Was macht Florian? Von einem harmlosen Ich bin wohl auch ein bisschen krank am Donnerstagabend gelangten wir in der Nacht zum Freitag zum Schüttelfrost und damit dann zum ausgewachsenen Infekt am Freitag. Gedopt mit einem ephedrinhaltigen Schmerzmittel fuhr Flo uns dann trotzdem in die Augenklinik, damit wir freitags wenigstens das erledigen konnten. Da ich Hannah nachts noch stille, fällt das Doping für mich nämlich leider aus. Wobei ich mir auch über den Zwiespalt dieser Mittel bewusst bin: Sich gesünder fühlen als man eigentlich ist, hat auch seine Tücken. Manchmal, insbesondere mit den lieben Kleinen, ist es aber nahezu notwendig, denn wirkliche Rücksicht lernen sie erst mit den Jahren. Obwohl ich meinen beiden Kleinkindern für ihr Alter durchaus schon eine gewisse Rücksichtnahme attestieren muss.

Angesichts der gähnenden Leere im Kühlschrank machte sich der gedopte Papa dann noch auf zum Einkauf. Ich saß dann also wieder mit zwei kleinen Kindern zuhause, allerdings gab es recht viel zu tun: Die Kinder hatten nach der Klinik Hunger und viel Zeit zum Krankfühlen blieb da nicht.

Der Einsatz am Freitag führte nun aber dazu, dass wir nach einem Ich-bin-müde-will-aber-nicht-schlafen-Drama in doppelter Ausführung ziemlich geschafft waren: Florian abermals mit Schüttelfrost am Boden, und zwar trotz Doping; ich ziemlich platt und müde auf der Couch … Vorangegangen war ein nahezu herz- und ohrenzerreißendes stimmloses Duett der Heiserkeit von Florian und mir: Ein kleiner grüner Bagger fährt so durch die Welt … und Wohin auch das Auge blicket …

Was soll ich sagen? Die Nacht war nicht besser. Hannah schlief äußerst unruhig, weinte und schrie. Weder Florian noch ich fanden wirklich Schlaf, lediglich Philipp schlief einigermaßen gut. Allerdings wachte er viel zu früh auf, sodass der Tag heute wohl kein einfacher wird. Und die Betonung liegt hier auch auf dem euphemistischen Einigermaßen.

Nachdem Florian heute am frühen Morgen die erste Schicht mit Philipp übernommen hatte, schläft er jetzt. Hannah und Philipp spielen gerade friedlich und kommen nur zum Naseputzen vorbei. Immerhin: Heute kommen meine Eltern und ich hoffe also wieder auf eine kurze Auszeit, denn Oma und Opa stehen bei den Kleinen hoch im Kurs.

Und nachdem ich an diesem Eintrag als Stückwerk über mehrere Tage (seit Donnerstag) schon sitze, ihn eben auch versehentlich schon zu früh publiziert habe, komme ich jetzt zu einem Ende meines Krankenberichts, trinke heiße Zitrone mit frischem Ingwer und Honig, in der Hoffnung, bald wieder gesund zu sein.

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Kindergarten

Gestern war also der große Tag: Philipp ging zum ersten Mal in den Kindergarten. Natürlich zunächst einmal nicht alleine. Im Schlepptau waren Hannah und ich. 

Aufregend war es, spannend und andererseits so völlig selbstverständlich. Philipp und Hannah entdeckten recht schnell mit der Erzieherin die Autos und die Holzeisenbahn und schon begann das Spiel. Andere Kinder schauten sich die beiden Neuen an, spielten dann aber wieder weiter ihre Spiele und betrachteten immer mal wieder Philipp oder Hannah. Ein bisschen, so glaube ich, wurde Hannah länger und intensiver gemustert. Ob das nun an ihrem Crouzon-Syndrom lag oder daran, dass sie mit ihren siebzehn Monaten ein deutlich jüngeres Kind ist als die anderen der Gruppe, vermag ich nicht zu beantworten. Philipp ist bei den Zwergen nun fast schon ein großes Kind, denn die Zwerge wandern bereits mit ungefähr dreieinhalb Jahren in die nächste Gruppe. Vielleicht also war es auch nur das Alter, dass Hannah mehr Kinderhände, die sie untersuchten, fühlen ließ. Vielleicht war es Philipps beobachtende Haltung und Hannahs Begeisterung über die Kinder, die eine gewisse Unterschiedlichkeit der Reaktionen bedeutete. Vielleicht war es auch von allem ein bisschen. Und selbst wenn es Hannahs Crouzon-Syndrom war; die kindliche Neugier, die hier bestand, war fernab jedweder Vorurteile oder sonstiger negativer Betrachtungen. 

Wobei es auch nicht so war, dass Philipp keine Beachtung erfuhr. Er stand anfangs ebenso inmitten der Kinder, sie betrachteten ihn, er betrachtete sie. Und auch als Philipp zusammen mit seiner Schwester Hannah spielend bei den Autos saß, kamen immer wieder andere Zwergenkinder zu Philipp, um sein Spiel zu betrachten und kurz mit einzusteigen. 

Während ich also die ersten Informationen von der Erzieherin bekam, spielten meine beiden Kinder, die doch gestern noch Babys waren, mit anderen Knirpsen vor sich hin. Ab und an ein Blick zu mir, anfangs noch kam Philipp angerannt, um mir die grüne Walze zu zeigen, die es ihm angetan hatte, aber an sich fühlte er sich offenbar recht wohl in dieser neuen Umgebung. Hannah wollte immerhin sofort mit, als sie bemerkte, dass ich mir den oberen Essbereich anschauen werde. Ein kleiner Trost für das abschiedsschwere Mamaherz, denn Iker beginnt gerade ein gänzlich neuer Lebensabschnitt; obwohl ich mich natürlich auch sehr darüber freue, dass Philipp offenbar ankommt im Garten für Kinder.

Draußen dann war es Hannah, die ihre Runden um die Rutsche drehte, während Philipp tendenziell in meiner Nähe blieb. Hannah tappste munter auf der Wiese umher, sich ab und an umdrehend, um zu sehen, ob ich noch da bin, damit sie ihre Entdeckungsreise dann fortsetzen konnte. Wobei Philipp hierbei keineswegs gelangweilt oder verängstigt wirkte: Wie üblich verschaffte er sich beobachtend einen Überblick, er betrachtete die Situation, während Hannah sich direkt ins Getümmel warf, ganz so, wie sie es sonst zu tun pflegte. Mit der Mama an ihrer Seite wissend, ist die kleine Hexe unfassbar mutig.

Alles in allem hatten beide Kinder großen Spaß und ich rechne fest damit, dass Hannah bald Hannah mit! rufen wird, wenn der große Bruder alleine in den Kindergarten geht. Natürlich wird sie dabei noch nicht überblicken, dass dies dann bedeutet, ohne die Mama an einem Ort zu sein, denn noch entfernt sie sich zwar immer mal wieder von mir, beschwert sich aber lautstark, wenn ich es wage, alleine ins Bad zu wollen. Doch sie hat jetzt ja auch noch Zeit, sie hat noch nicht einmal das zweite Lebensjahr vollendet.

Wenn ich mir das Bild von Philipp im Kindergarten so vor Augen führe, dann bin ich mit unserer Entscheidung, ihn erst mit drei Jahren in den Kindergarten zu schicken, doch sehr im Reinen. Ich glaube, der Zeitpunkt war richtig und ich glaube weiter, die Zeit zuhause war wichtig.

Letztlich muss jede Familie selbst entscheiden, wie sie das Thema Kinderbetreuung löst, doch manchmal habe ich den Eindruck, dass man sich für die Entscheidung, seine Kinder drei Jahre zuhause zu lassen, rechtfertigen muss. Dabei verlieren die Kinder in diesen drei Jahren nichts; das soziale Lernen unter Kindern geht nicht verloren, wenn sie nicht schon mit zwei Jahren in den Kindergarten gehen. Und als Geschwisterkinder haben Hannah und Philipp dieses Lernen ohnehin tagein, tagaus direkt vor der Nase. 

Klar, drei Jahre zuhause bedeuten beruflichen Verzicht; und genau hier sehe ich ein Problem: Die Elternzeit ist zu kurz bemessen, die Möglichkeiten als Elternpaar gemeinsam die ersten drei wichtigen Bindungsjahre mit den Knirpsen zu verbringen, sind begrenzt und schlecht zu finanzieren. Insofern tragen wir manch emanzipatorischen Gedanken auch auf dem Rücken der Kinder aus. Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, dass die Mama drei Jahre an den Herd verbannt werden soll, sondern darum, Mamas und Papas Raum zu geben, ihre Kinder gemeinsam in den ersten drei Jahren zu betreuen, ohne berufliche Nachteile und erhebliche finanzielle Einschnitte erleiden zu müssen. 

Stattdessen wird die Fremdbetreuung immer früher und früher angesetzt. Ich will überhaupt nicht sagen, dass eine frühe Fremdbetreuung grundsätzlich falsch ist, doch stört mich, dass gegenwärtig ein einseitiges Bild gezeichnet wird und man fast schon exotisch ist, wenn man erst ein dreijähriges Kind in den Kindergarten bringt. 

Familien sind bunt, Familien sind individuell, einzigartig und besonders. Da sollte es auch individuelle, einzigartige und besondere Möglichkeiten geben. Wenn ich dann wieder an die Stimmen von Kinderlosen denke, die sich darüber beschweren, dass Familien zu viel Geld erhalten … nun: Wer wischt ihnen mal den Hintern sauber, wenn sie es im Alter nicht mehr können? Unser Kinder halten unsere Gesellschaft am Leben, und zwar nicht bloß abstrakt, sondern konkret. Dann sollten wir doch gerade den Start in dieses neue Kinderleben so positiv wie irgend möglich gestalten. Meist, davon bin ich überzeugt, haben Eltern, sofern sie eine Beziehung zu ihrem Kind haben aufbauen können, ein recht gutes Gespür für die Bedürfnisse ihrer Kinder. So mögen manche sich mit zwei Jahren wunderbar in den Kindergarten einfinden, andere brauchen länger. Für uns hätte es damals bedeutet, Philipp nur wenige Monate nach Hannahs Geburt in den Kindergarten zu bringen. Ich hätte damals das Gefühl gehabt, ihm etwas wegzunehmen, nämlich Zeit mit der kleinen Schwester und Zeit mit seiner Mama, die er plötzlich anfangen musste, zu teilen. Ich hätte dadurch auch den Eindruck gehabt, ihm zu vermitteln, ihn abzuschieben. Auch wenn dies natürlich nicht in meinem Sinne gewesen wäre, glaube ich, Philipp hätte es so aufgefasst. Und dieses Gefühl wollte ich Philipp keinesfalls vermitteln. Außerdem war uns wichtig, Hannahs erste Operation in einem möglichst geschützten Rahmen ablaufen zu lassen, also ohne Kindergartenkrankheiten, die zwangsläufig auch Philipp treffen werden, wenn er in der Gruppe spielt. 

Und genau das ist der springende Punkt: Wir haben kaum die Möglichkeiten in unserer Gesellschaft, verschiedene Ansätze für verschiedene Familien zu leben. Wer nicht den propagierten Standard der Betreuung akzeptiert, muss zuschauen, wie er seine Alternative irgendwie realisiert. Flexibilität existiert hier kaum, nur der Einheitsraum, um den Arbeitgebern möglichst kurze Elternausfallzeiten zu gewähren. Schade eigentlich, denn Individualität und Unterschiedlichkeit sind meines Erachtens eine Bereicherung für eine Gesellschaft, wodurch Kinder und Familien glücklicher gemacht werden könnten. Daraus würden in der Folge gesündere Menschen erwachsen, die einen positiven Einfluss auf die Gestaltung der Gesellschaft nehmen könnten.

Wenn ein Kind mit zwei Jahren glücklich und zufrieden im Kindergarten ist, mag das eine individuell-richtige Entscheidung sein, aber eben nicht zwangsläufig für alle Kinder. Und wenn ein alleinerziehender Elternteil gezwungen ist, sein Kind schon mit einem Jahr in die Fremdbetreuung zu geben, obwohl beide darunter leiden, läuft etwas verdammt schief. 
Für unsere Familie muss ich zwar sagen, dass wir unseren Weg gefunden haben, obwohl uns mehr gemeinsame Elternzeit sicher lieber gewesen wäre. Wir haben uns für diese Kinderzeit jedoch arrangiert und befinden uns in einer Gesamtsituation, die uns dies erlaubt, auch wenn es nicht immer so einfach ist. Das Gefühl jedoch, den Bedürfnissen unserer beiden Kinder gerecht zu werden, überwiegt hier. Und ich glaube auch, dass es uns gelungen ist, unseren Kindern in ihrer Zeit zuhause Anreize zu bieten, ihnen die Welt zu zeigen, zumindest ein kleines Stück. Sie werden schließlich nicht zuhause geparkt, sondern sind mitten in unserem Leben und ihr Spiel ist ebenfalls mittendrin.

Und jetzt bleibt mir nur, für Philipp zu hoffen, dass er die ersten Schritte in die Selbstständigkeit meistern wird, doch eigentlich habe ich hier keine Zweifel. Mein kleines Baby ist groß geworden und nun ist es an mir, ihn ein Stück loszulassen, ihm Freiheit zu gewähren und trotzdem immer da zu sein, wenn er Zuflucht sucht. Es fällt mir zwar schwer, doch kann ich es nach dieser intensiven Zeit zuhause mit einem guten Gewissen tun. 

Hannahs Außergewöhnlichkeit

Wir gehen mit dieser Geschichte noch einmal zurück in die erste Woche des Jahres. Florian wollte auf dem Heimweg von der Arbeit noch schnell etwas aus dem Supermarkt mitbringen und lief dort zwei Bekannten, die ebenfalls auf dem Sprung waren, über den Weg. Obwohl die Beiden im Nachbarort wohnen, haben wir in den letzten Jahren so gut wie nichts voneinander gehört. Dies liegt nicht an einem bestehenden Desinteresse, sondern an Philipps Geburt und dem Alltagswahnsinn mit kleinen Kindern; irgendwie bleibt für so vieles kaum noch Zeit, leider auch für Menschen. 

So wussten die Beiden zwar noch von Philipps Existenz, dass wir mittlerweile aber noch eine kleine Tochter bekommen haben, war für unseren Hochzeitsfotografen und seine Frau neu. Und so erzählten die Drei sich mitten im Supermarkt im Schnelldurchlauf die Ereignisse der letzten zwei Jahre. Da fiel so einiges an Erzählstoff an, folglich lag der Gedanke nicht fern, sich auf ein baldiges Treffen zu verabreden. Zehn Minuten reichen kaum für zwei Jahre. Florian zeigte in dieser Zeit wohl auch das ein oder andere Bild von den Kindern, ehe sich die Wege wieder trennten und Florian nachhause zum abendlichen Vorlesen von Frosch und Kröte oder wahlweise dem Burgenbuch (ein Buch, dass für Erwachsene die historischen und architektonischen Informationen zu diversen Burgen und Schlössern aus Deutschland in recht komplexen Sätzen beschreibt und aus uns nicht ganz verständlichen Gründen zu den Lieblingsvorlesebüchern unseres Sohnes zählt) fuhr.

Zu meinem Gedächtnis muss ich, ehe ich weiter berichte, an dieser Stelle etwas erwähnen. Ich glaube schon, dass es an sich recht gut funktioniert, doch bereiten mir Gesichter und deren Zuordnung bisweilen Schwierigkeiten. Manchmal kommen mir Menschen entgegen, die mir unsagbar bekannt vorkommen, doch ich kann nicht sagen, woher und ob ich mit der Bekanntheit überhaupt richtig liege. Es braucht bei mir meist eine Weile, ehe ich mir ein Gesicht dauerhaft einprägen kann und so kam es nun also vor diesem Hintergrund zu meiner Supermarktbegegnung zwei Tage später:

Wir standen vorm Eingang, die Kinder knabberten gerade an einer Knusperstange aus der Bäckerei, denn Einkaufen nach der Krankengymnastik bedeutet immer auch, ein deutlich verzögertes Mittagessen und kindlichen Hunger. Florian war ja lediglich kurz abends hier gewesen, der Großeinkauf stand mir jetzt bevor. Da kam plötzlich eine Frau mit einem Gesicht auf mich zu, das mir äußerst bekannt erschien, doch im ersten Augenblick mitten in all den fremden Gesichtern um mich herum war mir die Zuordnung nicht möglich. Als sie jedoch gezielt weiter auf mich zukam, bestand kein Zweifel, dass ich sie wirklich kannte und so ratterte es in meinem Kopf. Noch bevor sie sich dann tatsächlich vorstellte, fiel bei mir der Groschen: Ich habe deinen Mann vor zwei Tagen getroffen! waren ihre ersten Worte. 

Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass wir damals übers Radfahren primär Kontakt zu ihrem Mann hatten. Sie und ich hatten uns nur selten gesehen, dabei haben wir einen wunderbaren, warmen Abend mit unglaublich leckerem Essen und sehr guten Gesprächen bei den Beiden verbracht. Eigentlich hätten solche Tage weitaus öfter stattfinden können, doch irgendwie läuft die Zeit und läuft und läuft und plötzlich sind dann schon Jahre dahin.

Unsere Treffen im selben Supermarkt in unterschiedlichen Konstellationen innerhalb von zwei Tagen halte ich zwar nicht für ein Zeichen, denn an so etwas glaube ich nicht. Aber man darf aus solchen Begegnungen durchaus eine Handlung ableiten, dafür muss man keine Zeichen interpretieren und kann sich einfach den amüsanten Zufall zunutze machen. 

Doch Kern meiner Geschichte ist, betrachtet man den Titel, etwas anderes: Hannahs Außergewöhnlichkeit. Denn auch ich bin nicht so ohne Weiteres erkannt worden. Ich erwähnte die Fotos, die Florian von den Kindern zeigte? Ja, ich erwähnte sie. Es war die im Einkaufswagen sitzende Hannah, die die Aufmerksamkeit auf sich zog. 

Man mag diesen Wiedererkennungswert jetzt positiv oder negativ bewerten. Das ist wohl auch Einstellungssache. Natürlich könnte man schwermütig sagen, das arme Kind sieht so anders aus, dass es sofort auffällt. Doch damit impliziert man auch zugleich, dass ein Anders auch schlechter bedeutet. Das wiederum halte ich für ausgemachten Unsinn. Uns ist das Andere regelmäßig nur deshalb suspekt, weil es uns unbekannt und fremd ist, nicht weil es tatsächlich schlechter ist. Hannahs Gesicht beispielsweise bliebe sogar in meinem schwachen Gesichts-Gedächtnis haften. Sie, wäre sie eine Fremde für mich und nicht meine Tochter, die ohnehin tiefe Spuren in mir hinterlassen hat, wäre von mir wahrgenommen worden als ein besonderes Gesicht. Sie hätte ich unter Hunderten und Tausenden gesehen, und zwar wirklich gesehen. Ich hätte sie hierbei nicht mit Argwohn betrachtet, nicht mit einer unverschämten Neugier, nicht mit der Lust der Gaffenden, sondern mit einem ehrlichen Interesse. Sie wäre auch als eine mir Fremde zu meiner Erinnerung geworden, hätte sich eingeprägt, mich berührt.

Tatsächlich gibt es Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind, mit denen ich nie ein Wort gewechselt habe, die aber trotzdem haften blieben. Manchmal war es ihr Tun und Handeln, das ich beobachten konnte, manchmal fesselte mich der Ausdruck in ihren Augen. Ein anderes Mal fiel mir ihre eigenwillige Optik auf; wobei der Ausdruck eigenwillig keineswegs ein ästhetisches Statement enthalten soll. Und ganz oft war es ein Lächeln oder Lachen, manchmal auch bloß mit den Augen, dass mir auch nach Jahren noch bildhaft geblieben ist. 

Wenn ich an Hannahs Lachen denke, an ihr Strahlen und die funkelnde Neugier in ihren Augen, dann weiß ich, wie ich sie als Fremde wahrgenommen hätte. Sie hätte mich berührt, sie hätte mich bestimmt sogar zum Lachen gebracht und meinen Gang für die nächsten Schritte leicht gemacht, gar beflügelt. Ich weiß nicht, wie man üblicherweise fremde Menschen betrachtet, vielleicht habe ich hier nämlich durchaus in vielen Situationen ein gesteigertes Interesse bzw. achte auf manche Aspekte, die für jemand anderen irrelevant gewesen wären. Denn obwohl ich mir einerseits Gesichter so schlecht merken kann, interessieren sie mich andererseits brennend. Vielleicht, weil Menschen für mich immer auch Inspiration für meine Geschichten sind. Es sind Beobachtungen, aus denen ich schöpfe und Hannah wäre auch in der Rolle einer Fremden eine Quelle der Inspiration. Als meine Tochter ist sie dies selbstverständlich ebenso wie ihr großer Bruder. Nur muss ich hier gestehen, dass die Schlaflosigkeit der letzten Nächte die Inspiration gerade erdrückt.

Bewusst bin ich mir natürlich auch darüber, dass es gaffende Blicke auf Hannah ebenso gibt wie mitleidige, manchmal auch spürbar ablehnende. Wobei letztere selten sind und meines Erachtens auch kaum eines eigenen Blickes wert sind. Dennoch wird die kleine Hexe sich irgendwann damit auseinandersetzen müssen, dass sie ein Blickfang ist. Sie bleibt im Gedächtnis, sie sticht aus all dem Grau hervor, und zwar ohne sich dafür in Schale werfen zu müssen. Selbstverständlich ist jeder Mensch außergewöhnlich; Philipp ebenso wie seine Schwester, doch Hannah trägt dies nach außen, sie hat ein anderes, wunderschönes Gesicht mit einem ganz eigenen Zauber, von dem ich mir wünsche, dass sie sich diesen stets bewahren wird.

Arztauftakt im neuen Jahr: HNO

Die erste Woche des neuen Jahres gingen wir recht ruhig an; außer Physiotherapie stand nichts im Terminplan; eine seltene gähnende Leere. Andererseits tat dies auch ganz gut, denn nachdem Hannah uns in den letzten Wochen mit durchwachten Nächten auf Trab hielt (eine der anstrengendsten Begleiterscheinungen am Elternsein ist der ständige Kampf gegen die bleierne Müdigkeit aufgrund des chronischen Schlafmangels), tat es gut, etwas weniger unterwegs sein zu müssen. 

Heute aber ging es wieder los mit der ersten Routineuntersuchung, bald sind wir dann auch wieder bei unserer Psychologin, die Augenklinik wartet ebenfalls bereits im Januar auf uns und die letzte Impfung sowie die U7a für Philipp steht neben den wöchentlichen Physiotherapieterminen im Plan. Es wird also nicht langweilig, zumal neben all diesen Terminen ja auch noch anderes zu erledigen ist, man denke hierbei an den Friseur (der Papa darf nämlich nie wieder die Haare seines Sohnes kürzen; zum Glück ist Philipp durch nichts zu entstellen und zum Glück haben wir alle ausreichend Humor), an den Kindergarten, den wir uns in den nächsten Tagen anschauen wollen, Radrennen, Besuche, Einkäufe und und und. 

Doch ein Schritt nach dem anderen. Denn es bringt nichts, sich schon drei Tage weiter gedanklich zu verausgaben, wenn zunächst einmal der Montag bei der HNO-Ärztin ansteht. Natürlich ist es nur ein weiterer Arztbesuch, doch nach wie vor finde ich den Gang zum Arzt mit kleinen Kindern irgendwie aufregend. Man weiß nie, wie die Kinder mitmachen, welche Herausforderungen zu bewältigen sind, wie man sie beschäftigt hält. Manchmal reicht es, zu lesen, manchmal helfen die Bausteine im Wartezimmer und manchmal hilft einfach gar nichts, um die Zeit des Wartens zu überstehen. 

Und bei unserer HNO-Ärztin schwingt für mich eben auch immer die bange Frage mit, ob Hannah nicht doch Paukenröhrchen benötigen wird. Ja, ich weiß, hierbei handelt es sich um einen kleinen Eingriff, trotzdem findet dieser unter Vollnarkose statt und ich möchte für Hannah einfach so wenig Eingriff wie möglich. Aber aus dem Munde unserer Ärztin hörte ich heute eine recht glaubhafte Entwarnung. Sie meinte, dass bei Hannah zwar alles ein wenig enger sei als üblich, doch könne man bei ihr sehr gut auf das Trommelfell sehen, was bei Kindern, die mit anderen Syndromen geboren wurden und häufig Paukenröhrchen benötigten, nicht der Fall sei. Auch sei gerade Winter, also Erkältungszeit, und Hannah habe diesen ohne einen einzigen Paukenerguss überstanden, insofern gehe sie nicht davon aus, dass Hannah hier Probleme bekomme. 

Tatsächlich ist Hannah hinsichtlich der Atemwege wohl recht gut davon gekommen. Es gibt, wenn ich die Informationen jetzt richtig im Kopf habe, wohl Kinder, deren Crouzon-Syndrom die Atmenwege so stark beeinträchtigt, dass ein Luftröhrenschnitt notwendig wird. Auch mit dem Trinken haben viele Schwierigkeiten, weil die Nasenatmung aufgrund der Enge nicht gut funktioniert. Manche neigen zu Atemaussetzern im Schlaf und häufigen Ohrenentzündungen. Nichts davon hat Hannah bislang betroffen; hoffentlich kommt dies nicht noch. Wobei ich glaube, dass das Thema Luftröhrenschnitt beispielsweise vom Tisch ist. Ich weiß zwar, dass das Gesichtswachstum erst in ein paar Jahren einsetzen wird; wir wissen also noch nicht in welchem Ausmaß Hannah hier betroffen sein wird, doch denke ich mir, dass sie eine gute Ausgangslage hat, schließlich startet sie nicht bereits mit stark verengten Atemwegen. Und dass ihre Atemwege fürs Atmen zu eng sind, ist nicht der Fall; schrumpfen wird hier meines Wissens nichts.

Unser heutiger Routinetermin gab also einmal mehr Entwarnung. Obwohl Hannah in den letzten Wochen zwar keine Anzeichen auf Ohrenschmerzen von sich gab, bin ich um eben diese Entwarnung von ärztlicher Seite dankbar. Denn der schlechte Schlaf sät in mir immer wieder diverse Ängste. Neben die große Angst vor dem Hirndruck gesellt sich regelmäßig eben auch immer der Paukenerguss mit seinen möglichen Konsequenzen. 

Davon sind wir aber bislang verschont geblieben und so ist die Schlafproblematik wohl wirklich auf den aktuellen Entwicklungssprung und die Zähne zurückzuführen, davon nämlich, so die HNO-Ärztin, stehen gerade auf der linken Seite einige vor ihrem Durchbruch: Der letzte Schneidezahn unten, ein Eckzahn, zwei Backenzähne oben, einer unten. Das macht doch Spaß! Ich jedenfalls bin schon Feuer und Flamme für die Nacht.

Da Hannah bislang allerdings recht ruhig schläft und ich morgen mit den beiden Kleinen zur Physiotherapie fahren muss, will ich mir lieber ein klein wenig Schlaf gönnen, ehe wieder die Tränen fließen und Fingerchen gekaut werden.

Gute Nacht! 

Und natürlich auch ein frohes neues Jahr, schließlich melde ich mich hier das erste Mal im Jahre 2018. 

Was ich noch zu sagen hätte …

… dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn. So zumindest singt Reinhard Mey in Gute Nacht Freunde. Als Nichtraucherin fällt mir das mit der Zigarette zwar schwer und auch ein letztes Glas im Stehn fällt für mich als noch stillende Mama aus, dennoch mag ich jenes Lied: Die Melancholie des Abschieds nach einer bedeutenden Zeit mit Freunden, die Einsicht in die Vergänglichkeit des Moments und der Moment des Innehaltens. Ganz oft summt diese Melodie durch meinen Kopf, insbesondere dann, wenn ich über Menschen nachdenke, denen ich noch etwas zu sagen hätte, das vielleicht auch länger dauert als eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn. Das Ungesagte, Unausgesprochene schwingt für mich in dieser Wehmütigkeit ebenfalls mit. Ob dies nun vom Liedermacher intendiert war oder ob ich hier meiner eigenen musikalischen Interpretation folge, vermag ich nicht zu sagen. Allerdings ist es nicht weit her mit meiner musikalischen Ader, insofern ist die Intuition, die ich hier habe, sicher keine allgemeingültige. Für mich persönlich begleitet aber jenes Lied stets Gedanken zu den ungesagten Worten an Menschen, die meinen Weg kreuzten. 

Wer raucht, kann ja nun zählen, wie viele Zigaretten meine Worte nun andauern, die schon eine Weile durch meine Gedanken kreisen und sich zum Jahresende mehr und mehr manifestieren. Wobei ich selbstverständlich niemandem zu seinem Laster verführen möchte. Auch das Zählen der Gläser im Stehn böte sich an, verhindert aber vielleicht nach einer Weile das Lesen des Textes, denn ich fürchte, ich überschreite ein Glas im Stehn um ein Vielfaches. 

Da wäre, um eine gewisse Chronologie zu wahren, das Hebammen- und Ärzteteam in Hannahs Geburtsklinik; was ich noch zu sagen hätte …

Mittlerweile weiß ich um unser Glück bei Hannahs Geburt. Nicht nur, dass damals Ärzte und Hebammen bemüht waren, unserem Wunsch einer spontanen Geburt zu entsprechen, denn eine Vorderhauptslage ist häufig eine Indikation für einen Kaiserschnitt. Nein, auch der Umgang mit Hannahs Auffälligkeit am Schädel bot unserer Familie die Möglichkeit, einen unbeschwerten, entspannten Start in das neue Leben zu wagen. Entspannt trifft es sicherlich nicht gänzlich, denn Sorgen machten wir uns natürlich trotzdem. Doch wir konnten ambulant entbinden, wir mussten nicht mit Hannah in einer Klinik bleiben, wir mussten nicht gleich zu Beginn ihres Lebens unzählige Untersuchungen stationär über Hannah und uns ergehen lassen. Ich weiß noch, wie eine Ärztin vor mir stand und sagte, unser Kind sei vollkommenen fit, nach so einer anstrengenden Geburt mache sie mehr als andere Neugeborene ohne Auffälligkeiten am Schädel nach einer gänzlich unkomplizierten Geburt. Ihre Auffälligkeit sei mit hoher Wahrscheinlichkeit rein optisch, denn sie verhalte sich ansonsten optimal; eine geistige Beeinträchtigung scheine ausgeschlossen. Sie gehe davon aus, dass ein Syndrom vorliege, das eben nicht Hannahs intellektuelles Vermögen betreffe und nachdem der Kinderarzt das auch so einschätzte, stünde unserer Heimfahrt also nichts im Wege. Tatsächlich las ich später im Arztbrief die Vermutung eines Crouzon-Syndroms seitens der Ärzte in der Klinik. 

Im Laufe der letzten Monaten habe ich viel gelesen, manche Kontakte geknüpft und sowohl direkt als auch indirekt von betroffenen Familien erfahren, dass dieser den Umständen entsprechende unbeschwerte Start in Hannahs Leben keine Selbstverständlichkeit ist. Geplante Magensonden standen hier bei manchen im Raum, obwohl das Baby selbständig und ausreichend trinken konnte. Außerdem unzählige Untersuchungen, Vermutungen, viele fremde Hände am Neugeborenen, das doch eben erst in diese Welt eingetaucht war. Ob Crouzon-Syndrom, Apert, Muenke oder wie sie alle heißen: Offenbar sind diese Syndrome einerseits zwar bekannt, andererseits aber doch nicht ausreichend präsent, sodass manche Ärzte, die nach der Geburt mit den betroffenen Babys konfrontiert sind, Handlungen einleiten, um irgendetwas zu tun, dabei eigentlich gar nicht wirklich wissen, was zu tun ist. Damit will ich überhaupt keine Vorwürfe formulieren. Vielmehr denke ich, dass jene Ärzte mit bestem Wissen und Gewissen bemüht waren, den Babys zu helfen. Ich will allerdings die Besonnenheit der Ärzte in Hannahs Geburtsklinik betonen, denn auch diese konnten für Hannah keine exakte Diagnose abgeben, erkannten aber, dass sie ein ansonsten völlig gesundes Baby war. Und sie brachten uns als Eltern das Vertrauen entgegen, für unsere Tochter auch hinsichtlich der weiteren medizinischen Betreuung zu sorgen. Denn dass sie weitere Untersuchungen brauchte, war klar; uns wurde auch der Besuch einer humangenetischen Sprechstunde angeraten. Aber klar war auch: Dies muss alles nicht stationär geschehen. Wir blieben keine zwei Wochen oder gar länger als Familie getrennt, Philipp durfte abends seine neue Schwester begrüßen und natürlich seine Mama wieder in die Arme schließen. Wir konnten uns alle in Ruhe kennenlernen, wir durften uns Zeit füreinander nehmen und hatten so trotz allem einen wunderschönen sowie intensiven Anfang. 

Da wäre die Begegnung mit dem Professor der Humangenetik an Hannahs zehntem Lebenstag. Was ich noch zu sagen hätte … 

Unser Glück mit den Ärzten setzte sich weiter fort. In der humangenetischen Sprechstunde erfuhren wir eine äußerst menschliche Begegnung. Seine ersten Worte an uns waren, dass er das Apert-Syndrom, welches auf der Überweisung als Diagnose vermutet wurde, ausschließen könne. Tatsächlich tippte er blickdiagnostisch auf ein Crouzon-Syndrom, Muenke hielt er für weniger wahrscheinlich, doch dies gab er als Differenzialdiagnose an. Weiter nahm er sich sehr viel Zeit für ein sehr ausführliches Arztgespräch. Er erklärte, er erläuterte, er nahm uns Ängste und er stellte schon in diesem Gespräch den Kontakt zu Würzburg her. Ohne ihn hätten wir möglicherweise eine andere Klinik aufgesucht. Ich erinnere mich noch gut, wie er zum Abschied zu Hannah sagte, sie sei ein starkes Mädchen und habe einiges vor sich, aber das werde sie meistern.

Ich bin dankbar für diese Begegnung, dankbar für seine Worte, für die Zeit, für das Gefühl, dass wir beim Verlassen der Praxis hatten. Natürlich hatten wir noch keine genetische Analyse gemacht; Crouzon oder Muenke standen im Raum, eine Ungewissheit blieb, doch die unfassbare Unsicherheit war gewichen. Und irgendwie war es jenem Mann gelungen, uns in diesem Augenblick Zuversicht für Hannahs Werden zu schenken, ein Geschenk, dessen Wert in unserer Situation unermesslich war.

Da wäre unser Neurochirurg aus Würzburg. Was ich noch zu sagen hätte … 

Unsere erste Begegnung mit unserem Neurochirurgen aus Würzburg fand im November statt, damals war Hannah dreieinhalb Monate alt. Jedoch erhielten wir, kurz nachdem wir diesen Termin in Würzburg vereinbart hatten, also im August, einen Anruf von unserem Neurochirurgen. Er sagte uns, wir könnten uns jederzeit mit Fragen schon vorab melden und gab uns hierbei schon das Gefühl, mit Hannah am richtigen Ort angekommen zu sein.

Dieser Eindruck wurde bei unserem ersten Termin bestätigt. Ein ausführliches und langes Gespräch klärte uns über den Weg auf, der vor Hannah lag. Wir besprachen die notwendigen Untersuchungen zuhause, insbesondere ein erstes MRT und die augenärztlichen Kontrollen. Wir sprachen über die Art der Operation, über den Zeitplan, über die Häufigkeit von Hirndruck beim mittlerweile genetisch gesicherten Crouzon-Syndrom. Für all dies war Zeit und Raum. Auf Fragen gab es Antworten, abermals wurden Ängste entkräftet. Und wir fühlten uns sowohl fachlich als auch menschlich in guten Händen. 

So konnten wir Würzburg mit einem weniger ambivalenten Gefühl verlassen als wir zuvor hatten: Niemand ist über die Aussicht auf eine Operation erfreut, doch wir sind froh, dass Hannah operiert werden kann und ihr geistiges Vermögen nicht einem Hirndruck zum Opfer fallen muss.

Auch die weitere Kommunikation mit unserem Neurochirurgen gestaltete sich als äußerst positiv: Als es Probleme beim Finden eines Augenarztes gab, stand er telefonisch sofort beratend zur Seite. Er reagierte auf die Fragen in unseren Mails und erinnerte sich im Juni, also mehrere Monate nach unserer ersten Begegnung, nicht nur an Hannah (okay, ihren Namen hätte er auch einfach ablesen können), sondern auch an den großen Bruder Philipp und nahm ihn äußerst sympatisch mit in das Gespräch auf, sodass auch Philipp eine Weile beim Besprechen bleiben konnte.

Da wäre außerdem das gesamte Team in Würzburg. Was ich noch zu sagen hätte … 

Unser Neurochirurg, mit dem wir primär zu tun haben, steht nun aber nicht alleine da. Bei der Operation selbst waren natürlich weitere Chirurgen anwesend und insbesondere die operierende Neurochirurgin, die auch das Aufklärungsgespräch vor der Operation mit mir führte, ist mir ebenfalls als fachlich kompetente, menschliche und humorvolle Ärztin aufgefallen. Der Anästhesist kam mir zwar ebenfalls im Aufklärungsgespräch sympatisch vor, doch habe ich ihn weniger erlebt, da ich ihm nur dieses eine Mal kurz begegnet bin. Ich bin überzeugt davon, dass auch er die nötige fachliche Kompetenz mit sich brachte, denn Hannahs Operation muss einfach von einem eingespielten, kompetenten Team durchgeführt werden; andernfalls wäre Würzburg wohl auch kaum hierfür überregional bekannt. Folglich bin ich auch für alle, die dazu beigetragen haben, dass Hannahs Operation gelingt, dankbar. In all diesen Stunden des Wartens, während Hannah auf dem Tisch lag, das Leben unserer Kleinen in den Händen dieses Operations-Teams ruhte, hat dieses Vertrauen in die Beteiligten geholfen, die Stunden zu überstehen.

Später dann waren es Pflegerinnen, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen auf der Station, die unseren Aufenthalt in Würzburg erträglich machten. Eben jene Menschlichkeit, die wir dort immer wieder antrafen, erleichterte diese nicht ganz so leichte Zeit. 

Es ist nicht ganz so einfach, zu beschreiben, welche Bedeutung sowohl das ärztliche als auch das pflegerische Personal in solch einer Zeit entwickeln kann. Denn eigentlich sind wir uns ja als Fremde begegnet. Als ich jedoch anfangs einen Pfleger fragte, ob ich mein Handy an den Steckdosen überm Bett laden könnte (für manchen mag das selbstverständlich sein, für mich war jedoch nicht klar, inwiefern die gerade auf Hannahs und meiner Seite des Zimmers rar gesäten Dosen zum Stecken für Monitor, Infusionen etc. benötigt wurden) und dieser mit einer unglaublich warmen Freundlichkeit in der Stimme sagte: Ja, klar! Sie sind jetzt eine Woche hier zuhause, also fühlen Sie sich hier völlig frei! Dieser Satz beschreibt recht gut, was den Würzburgern gelungen ist. Nein, wir wollten deshalb nicht länger bleiben, es war auch kein Hotelgefühl, kein Urlaubsmoment, obwohl wir über letzteres mit der Neurochirurgin einmal scherzten, als sie zur Visite kam. Aber die Notwendigkeit unseres Aufenthalts bestand nun einmal und mit dem vorhandenen Team wurde dieser Aufenthalt für uns erheblich leichter. 

Und so bekommen Fremde plötzlich einen Platz im eigenen Leben, den man nie erwartet hätte, Fremden einzuräumen. Zumal hier ja nicht die Situation entstand, dass ich nun mit neuen Freundschaften nachhause kehrte. Weiterhin sind mir die Leben, die Schicksale, die Gedanken jener Menschen aus Würzburg größtenteils unbekannt und trotzdem haben sie in meinem eigenen Leben etwas bewegt. Sie waren nachts da, als Hannah nicht mehr schlafen konnte. Sie halfen am ersten Tag nach der Operation immer wieder mit all den Kabeln und Schläuchen, sie fragten nach unserem Befinden, sie hörten zu und ließen einen einfach nicht alleine. 

Ich selbst war noch nie stationär in einem Krankenhaus. Einmal, als Philipp sechs Wochen alt war, war ich mit ihm wegen des Verdachts auf den RS-Virus zwei Nächte auf Station. Insofern kenne ich den Krankenhausalltag kaum aus eigener Erfahrung. Allenfalls als Angehörige, denn die zwei Nächte mit Philipp fallen hier nicht wirklich ins Gewicht. Insofern kann ich keine Aussage darüber treffen, wie sich das Personal üblicherweise verhält. Vielleicht ist diese Außergewöhnlichkeit, die ich hierbei empfinde, auch eine unglaubliche Ungerechtigkeit gegenüber all den anderen Kliniken und ihrem Personal. Denn möglicherweise machen die meisten ihren Job genauso gut. Man möge mir in diesem Falle verzeihen, dass ich hier aber lediglich von meinem Empfinden sprechen kann und dieses besagt eben, dass die Würzburger mit ihrer Empathie trotz all dem Stress um sie herum, unsagbar heilsam waren. 

Da wäre meine Hebamme. Was ich noch zu sagen hätte … 

Meine Hebamme ist nicht mehr die jüngste Hebamme und hat also bereits unzähligen Kindern auf die Welt geholfen und Mamas sowie ganzen Familien beim Start mit dem neuen Leben begleitet. Und so half sie auch mir damals mit unglaublicher Geduld, als das Stillen bei Philipp einfach nicht so recht klappen wollte, weil die Milch nicht ausreichte. Dank ihr fand ich den Weg, mithilfe eines Brusternährungssets zuzufüttern, wodurch wir die Flasche und ein frühes Abstillen vermeiden konnten. 

Als ich mit Hannah schwanger war, war für mich auch klar, dass ich auf jeden Fall wieder von ihr nachbetreut werden wollte. Und so begleitete sie also auch Kind Nummer zwei mit all der anfänglichen Ungewissheit, die im Raum stand. Sie machte Mut, sie hatte zwar einen Fall wie Hannah in all ihren Jahren als Hebamme noch nicht erlebt, aber das spielte auch keine Rolle. Wichtig war ihr Beistand, ihre Worte. Tatsächlich glaube ich nicht, dass ungeborene Kinder sich ihre Familien aussuchen. Dafür bin ich zu sehr Atheistin und kann ebenso nicht an Vorherbestimmungen und vorexistenzielle Essenzen glauben. Trotzdem gab ein Satz von ihr damals viel, viel Kraft: Kinder wie Hannah suchen sich starke Familien mit viel Liebe aus. Zu gerne möchte ich glauben, dass dies wirklich der Fall ist. Aber ich weiß von zu vielen Kindern, die mit Beeinträchtigungen geboren wurden und eben aufgrund dieser nicht die Liebe erhielten und erhalten, die ihnen zugestanden hätte. In den Worten meiner Hebamme lag natürlich die Bedeutung darin, dass Hannah in eine Familie geboren wurde, die ihr Liebe zu schenken vermag. Insofern waren diese Worte damals und auch heute noch der sprichwörtliche Balsam für unsere Wunden. Sie tröstete damit, sie sprach uns mit dieser Vorstellung nahezu eine Zauberkraft zu, denn wer von einem ungeborenen Leben auserwählt wurde, muss einen gewissen Zauber in sich tragen. Manchmal malen wir uns in schwierigen Zeiten wohl auch solche Bilder, um uns die Wirklichkeit zu erklären, damit deren Lasten zu tragen sind. Und hier möchte ich nicht falsch verstanden werden: Nicht Hannah selbst ist eine Last, sondern die Sorgen und Ängste, die insbesondere in der anfänglichen Ungewissheit lagen. Ja, alle Eltern (oder zumindest die meisten) haben Sorgen und Ängste um ihre Kinder, doch wenn irgendeine Krankheit sich in die ersten Lebenswochen schleicht, dann radikalisieren sich diese Ängste. Sie werden zu einem permanenten Fixpunkt, man läuft Gefahr, sich nur noch in ihnen zu bewegen. Ein solches Gegenbild wie das, das meine Hebamme uns schenkte, kann hier Wunder wirken, auch wenn ich nicht an Schicksal und all dies glaube.

Doch bin ich meiner Hebamme nicht nur dankbar für dieses Bild, sondern für all die Wärme und den Zuspruch, den sie uns immer wieder gab, dankbar. Ihre Zuversicht war ansteckend, ihre Ruhe spendete Kraft. In diesen ersten Wochen nach Hannahs Geburt gab sie uns einen Halt mit ihrer Einschätzung, auch wenn sie nicht wusste, was mit Hannah war. Immer wieder bestärkte sie die Auffassung, dass Hannah ein Baby war, dass sich normal entwickelte. Und immer wieder verwies sie auch auf Hannahs Augen, ihren wachen, neugierigen Blick, die Kraft in ihrer Stimme. Damit vermittelte sie uns mehr als eine vage Hoffnung darauf, dass Hannah ein eigenständiges Leben wird führen können.

Da wären unsere Kinderärzte. Was ich noch zu sagen hätte …

Ja, auch für unsere Kinderärzte muss ich an dieser Stelle ein paar Zeilen verfassen. Es war nicht nur die Geduld beim Ziehen der Fäden nach der Operation, die zu erwähnen wäre. Von Anfang an bewahrten unsere Kinderärzte Ruhe, sie mutmaßten nicht, sondern nahmen Hannah so wahr, wie sie sie erlebten. Also bekamen wir auch hier immer wieder die Rückmeldung, dass unser Baby ein gesundes Baby mit Kraniosynostosen sei. Unsere Kinderärztin, bei der wir in dieser Praxis primär mit den Kindern sind, begann, nachdem Hannahs Diagnose vom Humangenetiker mit dem Crouzon-Syndrom vermutet worden war, darüber zu lesen. Immer wieder fanden wir in der Praxis die Möglichkeit, Hannah auch neben den augenärztlichen Kontrollterminen vorzustellen, um den etwaigen Hirndruck frühzeitig festzustellen. 

Wenn man ein gesundes Kind hat und eigentlich nur zu den Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen in den Praxisräumen aufschlägt, ist einem die Bedeutung der Kinderärzte gar nicht so bewusst. Natürlich will man zu guten Ärzten und für seine Kinder nur das Beste. Doch, ganz ehrlich, bei Philipp fiel mir noch gar nicht auf, wie wichtig die richtige Wahl hier ist. Die Zeit, der Einsatz, das Verständnis für Hannahs und unsere Situation sind unsagbar bedeutsam. Dabei geht es überhaupt nicht darum, mit Samthandschuhen angefasst zu werden, sondern darum, ernstgenommen zu werden. 

Da wäre unsere Psychologin. Was ich noch zu sagen hätte …

Beim Thema ernstnehmen gesellt sich auch unsere Psychologin zu all denjenigen, für deren Begleitung ich dankbar bin. Noch bräuchte Hannah sicherlich selbst für sich keine Psychologin; vielleicht benötigt sie diese Unterstützung auch überhaupt nicht. Doch für uns als Familie bieten diese Gespräche die Möglichkeit, die Schwierigkeiten im Alltag mit Hannahs Syndrom besser zu bewältigen. Schließlich ist auch noch ihr Bruder vorhanden, wir eilen von Termin zu Termin, hatten große Ängste zu durchstehen, einen stationären Aufenthalt zu managen und können auf diese Weise vielleicht vermeiden, dass der große Bruder sich zurückgesetzt fühlt oder die kleine Schwester mit ihren zahlreichen medizinischen Therapien sowie ihrem ungewöhnlichen Aussehen irgendwann ernsthaft in eine Krise gerät. Sie wird sich früher oder später damit auseinandersetzen, dass sie anders aussieht, doch wie heißt ein Werbeslogan eines kleinen Senders mit manch überraschendem filmischen Highlight doch: anders ist besser. Natürlich muss dies nicht grundsätzlich der Fall sein, doch ist anders eben nicht einfach schlechter. Anders ist anders und Hannah ist wundervoll anders.

Ich weiß nicht, inwiefern unsere Besuche dort einen Einfluss auf Hannahs Entwicklung haben werden. Aber ich weiß, dass es mich als Mama stärkt. Das wiederum kommt Hannah und Philipp zu Gute. Unser Alltag ist in manchen Phasen recht turbulent. Und es konzentriert sich schließlich auch nicht alles auf unsere Kinder. Insofern sind die Gespräche dort für unsere Situation an sich förderlich. Sie schaffen uns Raum für unsere Familie. 

Und es passt eben nicht jeder Therapeut und nicht jede Therapeutin zu jeder Familie. Folglich bin ich mehr als glücklich darüber, ein gewisses Gefühl des Ankommens bei unserer Psychologin zu verspüren. Die Zeit dort fühlt sich richtig und wichtig an.

Tatsächlich hätte ich an dieser Stelle noch wesentlich mehr zu sagen, da wären Freude, für die ich dankbar bin, Begegnungen und Bekanntschaften, die durch Hannahs Crouzon-Syndrom entstanden sind. Da ist unsere Familie, die Hannah nicht anders angenommen hat als Philipp; dies scheint einerseits eine Selbstverständlichkeit und sollte es auch sein. Doch leider ist dies wohl nicht allzu selten in manchen Familien nicht der Fall. Hannahs genetische Mutation hat jedoch bei niemandem in der Familie eine Rolle gespielt: Sie und ihr Bruder wachsen hier mit all der Liebe auf, die nun auch ihrem kleinen Baby-Cousin entgegenkommt. Die Winzlinge sind hier willkommen, und zwar genauso, wie sie sind.

Und in diesem Sinne möchte ich das alte Jahr nun auch ausklingen lassen. Ich beende meinen Monolog über Was ich noch zu sagen hätte fürs erste. Denn ich hätte bestimmt, das sagte ich ja bereits, noch für viele Zeilen mehr etwas zu sagen.

Guten Rutsch!

Mein Bilderbuch

Zunächst einmal will ich zu Beginn dieses Beitrags alle Schuld und Verantwortung von mir weisen. Dies scheint mir ohnehin ein durchaus gängiges Muster in unser Gesellschaft; Schuld tragen immer die Anderen und verantwortlich sind diese dann außerdem. Diesem unsympathischen Muster schließe ich mich hier einfach einmal an, denn: es ist einfach. Und so behaupte ich einfach einmal, die Tatsache, dass meine Festplatte mit ihrem Terabyte überläuft, hängt zwar durchaus mit meiner Leidenschaft fürs Fotografieren zusammen; ja vielleicht ist sogar meine Textproduktion ein bisschen dafür verantwortlich. Doch eigentlich kann ich gar nichts dafür: Es sind meine Gene. Das Fotografieren ist eindeutig die Schuld meines Papas! Wobei ich ja gestehen muss, dass ich ihn eindeutig bei der Anzahl der Kinderbilder übertroffen habe: Bereits jetzt gibt es nach noch nicht einmal drei Jahren mehr Bilder von Hannah und Philipp als aus meiner gesamten Kindheit vor und mit meinem Bruder.

Doch eigentlich geht es mir überhaupt nicht um Schuldfragen und wie man sich an dieser Stelle auch denken kann: Die erbliche Veranlagung fürs Fotografieren sollte primär ein Einstieg in das Thema sein, hoffentlich insofern auch gelungen, als dieser Einstieg ein kleines Schmunzeln provoziert.

Schon bevor ich Kinder hatte, habe ich gerne fotografiert. Da waren die Kater, die immer ein Motiv abgaben, Mountainbiketouren sowohl zuhause als auch in den Alpen. Da waren Freunde aus der Uni, Freunde aus der Schule, da war unsere Hochzeit, da waren andere Familienfeiern. Da waren Urlaube, Ausflüge, Momente. Dabei will ich überhaupt nicht behaupten, künstlerisch anspruchsvolle Fotos zu schießen. Hier beispielsweise schmücken bislang Smartphone-Knipsereien meine Beiträge. Manchmal arbeite ich auch gerne mit der Spiegelreflex-Kamera und gestehe ein, dass dabei durchaus tiefere Bilder entstehen. Doch im Alltag mit zwei kleinen Kindern ist es trotzdem meist der kleine smarte Begleiter, der schnell zur Hand ist, um den Augenblick einzufangen. Es gibt eben auch zwei Motivationen für Fotos: Die Kunst und die Erinnerung; und zwischen diesen beiden Feldern oszilliert das einzelne Bild jeweils.
Das Wissen, dass der Augenblick nicht gefangen werden kann, hindert mich nicht, es zu versuchen. Denn ich glaube, gerade seit ich Kinder habe, hängt mein ständiges Fotografieren eben damit zusammen: Mir sind die Augenblicke mit meinen Kindern so wertvoll und kostbar, dass ich sie bewahren muss. Natürlich weiß ich, wenn ich beispielsweise Sartres Seinsstruktur heranziehe, dass ich ein sich immer wieder nichtendes, sich stets bewegendes Für-sich-Sein niemals werde mittels eines an-sich-seiendem Bild werde bewahren können. Der Strom des Bewusstseins ist fließend, solange meine Kinder ihr Leben leben, kann ich ihre Momente nicht konservieren und das möchte ich einerseits auch nicht, denn sie sollen selbstverständlich lebendig sein, ihre Existenz erleben. Andererseits will ich die Augenblicke nicht verlieren. Und die Fotos meiner Kinder suggerieren mir, eine verlässliche Erinnerung zu bewahren. Wenn ich manche Bilder betrachte, bemerke ich eben auch genau das: Die freudige Erinnerung an diesen Augenblick wird präsent.

Dabei liegt mir nun auch wiederum nicht daran, die Gegenwart in meine fotografierte Erinnerung zu verlassen. Solange wir unsere Augenblicke teilen, wir existieren, haben wir uns. Vielleicht sind die Fotos auch eher Bollwerke gegen eine nicht zu vermeidende Sterblichkeit. Wir alle müssen zwar sterben und ich flüchte mich hier nicht in eine Illusion, indem ich mir Fotos anhäufe. Trotzdem legen sie ein gewisses Zeugnis ab. So habe ich Bilder von meiner Uroma Hanna, eigentlich ja Johanna. Ich besitze Fotos von meinen verstorbenen Großeltern, von meinem Uropa, den ich kaum kannte. Diese Fotos machen sie nicht wieder lebendig, doch sie sind ein Bild gegen das Vergessen. Philipp und Hannah werden beispielsweise nie mit ihrer Ururoma Hanna auf der Couch sitzen und sich spannende Geschichten über deren Leben anhören können. Aber sie werden ein bildhaftes Gesicht von ihrer Ururoma haben, wenn ich ihnen von ihr erzähle. Und vielleicht werden sie auch in all den Bildern ihrer Kindheit eine Art der Erinnerungen an ihre eigenen frühsten Jahre finden. Und falls nicht, so bewahren mir diese Bilder in einem gewissen Rahmen doch in einigen Jahren diese wilde, aufregende Kleinkinderzeit mit all ihren Anstrengungen und all ihrem Zauber.

Weihnachtsblues

Wie schnell diese drei Tage Festlichkeit dann wieder vorüber sind, fast schlagartig. Irgendwie findet sich in diesen Tagen auch kaum Zeit, innezuhalten. Obwohl wir den ersten Feiertag dann nach einem für uns kurzen Brunch bei meinen Eltern Zuhause verbrachten, war gefühlt permanent Action. Natürlich ist dies auch den beiden Energiebündeln geschuldet, die einfach immer und überall Leben in den Tag bringen. Dennoch rast die Zeit, die Interaktion mit so vielen Menschen in diesen Tagen, der Trubel dröhnt in den Ohren und obwohl ich mich gerade am 24. Dezember sehr darüber gefreut habe, einen langen Abend bei meiner Familie zu verbringen, bin ich auch um die Ruhe dankbar, die an diesem Abend jetzt eingekehrt ist. 

Die Kinder schlafen wieder zu den üblichen Zeiten, am 24. drehte Hannah, die normalerweise zwischen sechs und halbsieben abends ihren Schlafsack aufsucht (ohne Mittagsschlaf ist so ein Tag auch ganz schön lange) nochmal bis halbacht auf und Philipp schaffte es sogar bis fast um neun Uhr; schließlich musste er noch unbedingt mit seinem neuen Bagger einer bekannten dänischen Bausteinfirma und seinem innig geliebten Puppenhaus, das einst der Opa für mich nach den Plänen der Oma mit all den Möbeln darin baute, spielen. 

Gestern brachte uns insbesondere die heilige Nacht ziemlich aus dem Rhythmus. Schlief doch Hannah ausnahmsweise einmal phänomenal gut, entschied Philipp, nachdem ich in meinem Übermut tatsächlich erst um eins ins Bett trudelte, gegen halb drei, wach zu sein, spielen, essen, trinken und heim zu wollen. Dieses Intermezzo führte zum Erwachen der kleinen Schwester, die ansonsten eine traumhafte Nacht zu schlafen schien. Nun, Hannah fand wider Erwarten schnell zurück in den Schlaf; dafür wachte sie selbst um kurz nach fünf auf, um den Tag zu beginnen. Gefühlt hatte ich Philipp fünf Minuten zuvor erst zum Schlafen überredet, vermutlich war es etwas länger. Hannah jedenfalls konnte ich dann nochmals für jeweils eine Viertelstunde zum Dösen bewegen, faktisch schlief ich aber von fünf bis halbsieben nicht mehr und entschied dann, ehe der Nachtschwärmer nun so früh vom Schwesterchen geweckt werden sollte, mit Hannah aufzustehen.

Hannah hatte nun zwar eine gute Nacht für sich geschlafen, aber keine lange Nacht. Und so führte ihre Müdigkeit letztlich zu unserem überhasteten Aufbruch beim Brunch, denn Hannahs Laune sank, quengeln und eine hörbare Unzufriedenheit machten sich breit. Dass dies an ihrer Müdigkeit lag, merkten wir im Auto unmittelbar: Hannah schlief sofort ein. Dabei ist Hannah, außer es geht gen Abend, gar nicht so unbedingt ein Autoschläferkind. Dass sie beim Holen aus dem Sitz geweckt wurde, fand sie zunächst nicht so prickelnd. Aber zuhause fand sie alsbald mit ihren Spielsachen und etwas Essen, denn hungrig waren mittlerweile auch beide, etwas Ablenkung. Beschert haben wir dann auch noch in kleiner Runde, Hannah ignorierte ihre Geschenke und kümmerte sich primär um die große Box mit kleinen Steinen des bereits erwähnten Bausteinherstellers aus Dänemark. Ihre Variante der Bausteine in groß interessierte sie überhaupt nicht. Dafür fand Philipp diese plötzlich wieder interessant. Wenigstens war das Vorlesebuch für Philipp ein voller Erfolg: Seit gestern Abend schläft er bei diesem Buch ein. Übrigens ist es schon bemerkenswert, ein Buch als gelungenes Geschenk zu bezeichnen, wenn der Beschenkte bei der Lektüre derselben einschläft. Bei Philipp allerdings werden nur die liebsten Bücher am Abend im Schlafsack gelesen; Frosch und Kröte gehören jetzt offenbar dazu.

Trotz allem waren wir gestern allesamt etwas neben der Spur, heute dann noch einmal ein nachmittägliches Raclette bei meinen Schwiegereltern und ein Abend zuhause mit zwei müden Kindern, die nur noch ein wenig später als üblich ihren Schlaf gefunden haben. 

Ich für mich hoffe nun auf ein paar entspannte, ruhige Tage im Rest-Jahr, ehe das neue Jahr mit all seinen Ungewissheiten beginnt. Und ich hoffe auf etwas Schlaf in dieser Nacht, denn die letzte Nacht holte Hannah all das nach, was sie in der Nacht zuvor verschlafen hatte.

Einmal werden wir noch wach …

Ja, Weihnachten mit kleinen Kindern bekommt plötzlich wieder diesen Zauber, den man noch aus der eigenen Kindheit dunkel in der verschwommenen Erinnerung kennt. 

Obwohl wir unseren Kindern weder vom Christkind noch vom Weihnachtsmann erzählen, scheint diese Zeit voller Spannung, Aufregung und eben diesem kindlich-wunderbaren Zauber zu sein. Da sind die Türchen im Adventskalender, die Hannah und Philipp täglich gemeinsam öffnen, um ein kleines Büchlein in den Händen halten zu können und Geschichten dazu zu erzählen. Da sind die vielen Lichter, die bewegten Rentiere beim wöchentlichen Einkaufen als Dekoration für erwachsene Augen und als Wesen aus einer traumhaften Fabelwelt für die Augen meiner beiden Kinder. Hannah zählt Sterne in Fenstern, Philipp freut sich über jede Ungewöhnlichkeit und mir wird bewusst, welchen Sinn der Weihnachtsschmuck doch in sich trägt: Kinder zu beglücken. Denn eigentlich findet sich bei uns herzlich wenig weihnachtliche Dekoration in unserem Zuhause, da weder Florian noch ich besonders an weihnachtlichem Flair gelegen ist. Wie sich der Blick durch Kinderaugen doch verändert. 

Tatsächlich erwarte ich mit einer gewisse Spannung den morgigen Abend, wenn Hannah und Philipp bei meinen Eltern den geschmückten Baum sehen werden. Wir selbst haben keinen grünen Nadelbaum mit Kugeln und sonstigem Gehänge aufgestellt: Kater und Weihnachtsbaum scheint keine allzu prickelnde Idee. Und auch bei Hannahs Klettertalent ist es wohl besser, auf diesen üppigen Weihnachtsschmuck zu verzichten. Zumal ich persönlich ohnehin lieber lebende als sterbende Pflanzen in meiner Nähe habe. 

Bei meinen Eltern allerdings steht Jahr für Jahr ein Baum in schickem Kleid. Letztes Jahr war Hannah an Weihnachten erst in ihrem fünften Lebensmonat, da bekam sie noch nicht allzu viel mit von der Feier um sie herum. Philipp mit seinen damals zweiundzwanzig Monaten hatte bereits jene großen Augen, die all das Licht, das Funkeln, das Ungewöhnliche aufsaugen wollten. Trotzdem bin ich auch bei ihm gespannt, wie er als fast Dreijähriger nun vor dem geschmückten Baum stehen wird, zusammen mit seiner sechzehn Monate alten Schwester. 

Ich bin auf den Trubel mit der Familie gespannt, auf das zerrissene Geschenkpapier in Kinderhänden, auf die Stunden mit meiner Familie, auf meinen kleinen Baby-Neffen, auf die Uroma inmitten ihrer Kinder, Enkel und Urenkel. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit, auch wenn eine gewisse Hektik sicherlich nicht ausbleiben wird. 

Wir sehen uns irgendwie alle viel zu selten, wie sehr dies doch am Jahresende wieder bewusst wird und wie wenig wir letztlich in unserem Alltag werden daran ändern können, weil wir alle Terminen hinterher rennen, weil wir uns ständig beeilen, weil wir rastlos in einer rastlosen Zeit sind und in unseren Momenten der Ruhe einfach auch einmal eine Pause benötigen. Umso wichtiger scheint mir das Treffen zu Weihnachten, der Trubel, das Beisammensein. 

Und so werden wir morgen also gemütlich in den 24. Dezember starten; wir fahren in aller Ruhe zu meinen Eltern, trudeln dort ebenso ein wie mein Bruder mit seiner Familie, ebenso wie mein Onkel mit seiner Familie, meine Oma und meine Tante. Manche bleiben über Nacht, manche gehen etwas früher, andere später, aber wir werden zusammen kommen, Zeit verbringen, bevor wir uns wieder verabschieden und wir uns dann zu viert einen ruhigen ersten Feiertag gönnen, um dann am zweiten Feiertag bei meinen Schwiegereltern zu verweilen. Einigermaßen stressfrei, so hoffe ich, werden wir durch die Feiertage kommen. Wobei ich auch sagen muss, dass mir jene Weihnachtsstreitereien, die in so manchen Weihnachtsanekdoten zu hören sind, fremd sind. Mir graust es glücklicherweise auch nicht davor, auf meine Familie zu treffen; wenn ich manchen Erzählungen so lausche, scheint auch dies ein großes Glück zu sein. 

Die Adventszeit in diesem Jahr verging für uns rasend schnell: Crossrennen an so manchem Sonntag für den Papa, Krankengymnastik für Hannah, Baustellenbesuche für Philipp, Besuche von und bei ganz winzigen Babys, Plätzchen backen (etwas, das ich noch nie gern getan habe und folglich auch noch nie wirklich getan habe, aber mit Philipp war es ein Highlight) und zum Abschluss noch mit einem ungebetenen viralen Infekt, den wir gen Weihnachten aber hoffentlich größtenteils überwunden haben. Mit der Adventszeit ist allerdings auch das Jahr schon wieder seinem Ende nahe; seit ich Kinder habe scheint mir die Zeit, die vor sich hineilt, nochmals schneller geworden. Dabei sind Augenblicke mit den Kleinen so unglaublich kostbar. Und die Winzlinge verändern sich von Woche zu Woche. Jeder Tag zählt und so freue ich mich auch auf den morgigen und unser Abenteuer Weihnachten mit zwei Kleinkindern. Letztes Jahr war es noch ein Baby mit Kleinkind und wenn man es mit Altersgrenzen streng nehmen will, dann ist Philipp ab Februar kein Kleinkind mehr, sondern bereits ein Vorschulkind; demnach also wird dieses Weihnachten unser einziges Weihnachten mit zwei Kleinkindern. Wir werden es entsprechend würdigen und jeden Augenblick genießen, denn es sind die Augenblicke, die zählen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Advent, Advent, die Zeit, die rennt!

Tatsächlich ziehen die letzten Wochen rasend an mir vorbei. Abends falle ich müde auf die Couch, zwischen Philipps Trotzanfällen, Hannahs ersten deutlichen Zornesbekundungen, gelangweilten Freigängerkatern im Winter, dem alltäglichen Wahnsinn von Einkaufskörben bis Bügelwäsche, Papier- und Deckenhausbauten für den zweijährigen Bauarbeiter und seine fleißige einjährige Gehilfin bleibt mir kaum Zeit und Muse, am Abend ein Buch zu lesen. Ans Schreiben ist kaum noch zu denken. Dabei wabern in meinem Kopf die Ideen und Gedanken vor sich her. Mir fällt es schwer, nicht zu schreiben und zeitgleich fällt es mir schwer, etwas zu schreiben. Tatsächlich schafft mich die Kinderbetreuung gerade körperlich. Ich will mich allerdings nicht lamentierend beklagen, denn ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Kinder keine schwierigen Kinder sind. Alles in mir sträubt sich gerade dagegen, von schwierigen Kindern zu sprechen, denn ein Kind, das Schwierigkeiten bereitet, hat seine Gründe dafür. Diese sind sicherlich mannigfaltig wie die Kinder selbst; kein Kind ist absichtlich schwierig, doch möchte ich an dieser Stelle auch nicht mit einem Wort wie anspruchsvoll umschreiben, denn ich meine tatsächlich Kinder, die im Umgang schwierig sind, weil man eben überhaupt nicht genau weiß, wie man an das Problem des Kindes herantreten soll, es vielleicht noch nicht einmal benennen kann. Anspruchsvolle Kinder habe ich nämlich selbst insofern als sie nach Inspiration und Anregung suchen; das ist jedoch nicht schwierig im eigentlichen Sinne, bisweilen allerdings anstrengend:

Philipp malt nach wie vor unglaublich gerne und für sein Alter auch schon erstaunlich konkret sowie vielfältig. Er erzählt Geschichten mit seinen Bildern; da sind Baugruben, die ein Bagger ausgräbt, Kipper, die die Erde zu einer Sammelstelle fahren, mit Baggern beladene Tieflader, Teiche, die vom harmlosen Ungeheuer aus einem seiner Bücher bevölkert sind, Frösche fahren Eisautos und andere bauen Unfälle. Doch nun hat das Malen einen Haken: Mama mitmalt mit Philipp! Wobei ich wirklich gerne male und zeichne. Doch es ist etwas anderes, sich entspannt am eigenen Entwurf zu versuchen oder zwischen einem Zweijährigen und einer Einjährigen mit Wachsmalstiften zu sitzen, einerseits versuchend zu verhindern, dass die Schwester das heilige Bild des Bruders mit grünen Strichen versieht und andererseits ebenfalls versuchend der Aufforderung des Bruders zu folgen, einen Straßenfertiger zu malen, und zwar in rot-grün und groß mit Walzen und viel dampfendem Teer. Wenn Philipp also malt, kann ich so lange etwas anderes erledigen, bis Hannah ihr Malrevier auf das Papier des Bruders erweitern oder bis Philipp seine Motive erweitert haben möchte. Er schaut nämlich ganz genau hin, wie Erwachsene bestimmte Dinge malen und, so habe ich in den letzten Monaten festgestellt, entwickelt mehr und mehr seinen eigenen Stil bestimmter Gegenstände.

Das Lesen ist ein weiterer Punkt. Ich bin unglaublich froh, dass beide Kinder sich mit Büchern vergnügen können. Hannah lauscht mittlerweile sogar schon Geschichten, die ein bisschen länger sind, sei es die vom kleinen Traktor oder vom kleinen Hasen, der nicht einschlafen konnte. Und für Philipp ist es ein wunderbarer Zeitvertreib geworden, ein Buch nach dem anderen mit der Mama oder dem Papa zu lesen. Immer öfter will auch er mir vorlesen, aber das klappt noch nicht so ganz; wobei er manche Bücher bereits mitsprechen kann.

Weder über das Malen noch über das Lesen will ich mich beschweren, schließlich bereitet es mir auch unglaubliche Freude, die Kinder hierbei zu begleiten; ich will bloß umschreiben, was ich mit anspruchsvoll meine: Sowohl Hannah als auch Philipp suchen nach Neuem in der Welt, sie wollen sich erproben und unterscheiden sich darin sicherlich kaum von anderen Kindern. Ich selbst habe an mich allerdings die Erwartung, sie dabei zu unterstützen. Wobei Hannah viele Dinge einfach mitlebt, weil das Interesse am Tun und Treiben des großen Bruders enorm ist. Nun will ich meine Kinder allerdings auch nicht rund um die Uhr bespaßen; ich will ihnen auch Raum lassen, sich selbst beschäftigen zu können. Das, so muss ich feststellen, können sie glücklicherweise auch unglaublich gut. Philipp sinkt in fantastische Welten, da wird der Teppich zum Ozean, die Tierfiguren schwimmen auf Bücherinseln, sie springen vom Tisch ins Teppichwasser, während Hannah die Tiere ebenfalls lachend von Buch zu Buch trägt. In solchen Momenten bin ich abgemeldet. Auch dann, wenn sie mit den Fröschen in unserem Haus aus Papier spielen, interessieren sie sich kaum für mich. Aber wehe, wenn ich etwas anderes aktiv tun möchte, dann hängt mindestens Hannah an meinem Bein und beschwert sich lautstark darüber, dass ich mich erdreiste, für die Kinder zu kochen. Manchmal bringt mich das schon an den Rande meines Verstandes.

Aber wenn ich sehe, wie neugierig die beiden die Welt entdecken, ist all das ohrenbetäubende Geschrei am Herd nicht länger von Bedeutung. Und so tanzen wir also weiter durch unser Wohnzimmer, die Kinder klettern auf den Tisch, bauen mit mir aus Decken Häuser und toben darin. Wir schreiben an der Tafel bunte Wörter und so lernt Philipp mehr und mehr die Welt des Lesens kennen, während Hannah mit den bunten Buchstaben stolz die Farben benennt. Das Alphabet kennt Philipp übrigens schon eine Weile, nur nicht in der richtigen Reihenfolge. Doch er will natürlich wissen, was er mit diesem Wissen nun weiter anfangen soll, außer die Puzzlematten mit dem Bagger abzureißen und wieder aufzubauen.

Irgendwie kann ich kaum glauben, dass dieser große Junge und dieses ebenfalls so große Mädchen noch vor kurzem kleine winzige Babys waren, die primär geschlafen, getrunken und die Windel voll gemacht haben. Ja, die Zeit, die rennt. Nicht nur jetzt gerade, sondern eigentlich seit Philipps Geburt. Die Zeit, innezuhalten, bleibt mit solch kleinen Wesen kaum. Wir bauen mit dem Papa Schneekatzen im Winter, wir spazieren zu Baustellen, wir springen wie Frösche durch alle Zimmer, lassen Autos umher sausen, bauen mit Steinen, erzählen zu Bilderbüchern Geschichten und kneten mit von mir gekochter Knete kleine Figuren und Gebilde, die wiederum ihre ganz eigenen Geschichten bekommen.

Die Zeit mit meinen kleinen Kindern ist ein Abenteuer, ein ganz großer Spielplatz, eine zauberhafte Welt. Doch nebenan liegt die Wirklichkeit. Da ist das Essen, das zubereitet werden muss. Da ist das Bett, das zu beziehen ist. Da sind die Körbe mit dreckiger Wäsche, da sind die Einkäufe, da steht ein hämisches Gerät namens Staubsauger, es warten Putzeimer und dreckiges Geschirr. Da sind Mülleimer zu leeren, die Katzenklos füllen sich im Winter ebenfalls ständig und von all den anderen Kleinigkeiten ganz zu schweigen.

Vielleicht sind es auch gar nicht die Ansprüche der Kinder, denn eigentlich haben sie diese doch gar nicht. Sie suchen Liebe, Erfahrung, Spiel und kosten eben jeden Moment in aller Intensität aus. Vielleicht ist es meine erwachsene Perspektive auf das Drumherum, die abschweifenden Gedanken, das Planen des Tages, der Woche, die letztlich die Anstrengung bedingt. Vielleicht wäre ein Versinken im Augenblick heilsam, andererseits muss ja auch im Augenblick des Hungers Essen gegenwärtig sein, folglich kann ich mich als Mama nicht gänzlich von dem Planen verabschieden. Aber vielleicht wäre etwas mehr Spiel manchmal angebracht und weniger Zielstrebigkeit. Wenn Hannah mit mir die Spülmaschine ausräumt, ist sie vollkommen begeistert vom Bechertragen. Zu selten, so glaube ich, lasse ich mich dabei von ihr anstecken, zu schnell will ich ausgeräumt haben und zum nächsten Punkt. Vielleicht wäre hier genau in solch einem Moment die Zeit, um innezuhalten. Vielleicht läge hierin Ruhe, Frieden und Freude zugleich. Und vielleicht dächte ich dann weniger, dass die Zeit schnell und schneller rennt …

Zwischen Träumen und Wachen

Im ersten Semester meines Philosophiestudiums war insbesondere eine Erfahrung wichtig: Das Philosophieren am Abend in einer gemütlichen Kneipe. Die Nächte waren damals kurz, am nächsten Morgen saßen wir fast alle wieder zusammen, um Kant zu lesen, die antiken Skeptiker zu besprechen oder uns über John Rawls und die Gerechtigkeit zu informieren. Abends wurde manchmal an Seminare und Vorlesungen angeknüpft, doch eigentlich besprachen wir dann die wirklich wichtigen Themen: Wir zweifelten das herrschende System an, definierten jenes System, wir analysierten gesellschaftliche Zusammenhänge und fühlten uns mit unserem Glas Bier in der Hand unglaublich schlau. Ja, damals! In diesen kurze Nächten lag uns die Welt zu Füßen, alle Wege standen offen und an Müdigkeit war überhaupt nicht zu denken.

Erst am Morgen danach schwor ich mir immer wieder, endlich zuhause zu bleiben oder wenigstens früher aufzubrechen, denn Kants Kritik der reinen Vernunft liest sich mit wenigen Stunden Schlaf und einem latenten Kater im Kopf recht ungemütlich. Allerdings, so muss ich nach einigen Seiten nüchterner Kant-Lektüre gestehen, tut insbesondere bei Immanuel K. ein Glas Rotwein während des Lesens ganz gut. 

Abends jedoch saß man meist doch noch irgendwie irgendwo zusammen, Gespräche flochten sich zu großen Gedanken zusammen, Stunden schienen nur Minuten zu sein. Und so lebte ich damals in meiner aufregendsten, aber auch müdesten Zeit meines bisherigen Lebens. Natürlich ging dies nicht mein ganzes Studium so weiter, andernfalls wäre mir ein Abschluss schwergefallen; vermutlich hätte ich die entscheidenden Prüfungen verschlafen. 

Ich glaubte, trotz aller Müdigkeit, die Welt verändern zu können. Ich glaubte, für etwas Großes zu lernen, bald zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir lernten, wir lachten, wir diskutierten, wir schliefen kaum und eroberten gefühlt täglich etwas mehr vom Leben. Da war diese Energie, diese Kraft, dieser Tatendrang, die Begeisterung, die Hoffnung und ein Glaube an Unmöglichkeiten, den ich mir bis heute nicht nehmen lassen will.

Heute schaue ich auf meine letzten Tage, sehe mich Spielzeuge zusammenräumen, müde und voller Sehnsucht nach Schlaf. Ich wache nachts auf vom Schreien neben mir, ich tröste Philipp durch die Nacht, der Dr. Brumms Zornickel fürchtet, weil ich erst am nächsten Morgen glaubhaft erzählen kann, dass am Grunde des Sees nichts auf Pottwal und Dr. Brumm lauert. Nachdem Philipp übrigens verstanden hat, dass der verärgerte Otter Dr. Brumm und Pottwal mit der Geschichte vom Zornickel nur Angst einjagen wollte, fühlt Philipp sich richtig groß und tapfer: Er hat eine erste, kleine Angst überwunden. Und er weiß, wenn die Angst vor Monstern doch zu groß ist, ist man unter Mamas Decke sicher. Ja, meine Zeit ist jetzt auch aufregend, nur eben anders aufregend: Ich begleite erste Schritte, erste Abenteuer und Ängste, damit die Kleinen bald ihre eigenen Wege bestreiten und ihre großen Fragen in schlaflosen Nächten entdecken können.

Ich hätte damals allerdings niemals geglaubt, dass es einen Zustand gibt, der mehr Müdigkeit und Aufregung zugleich enthält. Jetzt mit zwei Kindern weiß ich es besser. Woher nahm ich damals nur den Elan? Manchmal waren es nur drei Stunden Schlaf in der Nacht. Und trotzdem lernte ich damals Mittelhochdeutsch und übersetzte den Parzival. Heute bin ich froh, wenn ich drei Seiten eines zwar guten, aber doch recht trivialen Fantasy-Epos lesen kann. In mir schlummert die Sehnsucht nach Kafka, nach Nietzsche und Sartre. Ich möchte lesen und schreiben, fühle mich aber am Abend ausgelaugt und leer, völlig jenseits von Gut und Böse. Ich frage mich, ob ich heute tatsächlich so viel weniger schlafe als damals. Oder ist es die Fremdbestimmung im Schlafrhythmus, die so an mir zehrt? Und eigentlich bin ich schon immer ein Mensch der Nacht; nachts fasse ich klare Gedanken, nachts schreiben sich die besten Geschichten, es wachsen die größten Ideen. Wachen die Kinder allerdings zwischen fünf und sieben auf, ist das mit den Nachtschichten jedoch schwierig.

Ich will an dieser Stelle auch überhaupt nicht lamentieren: Ich liebe die Zeit mit meinen Kindern und schöpfe aus ihnen viel Kraft und Energie. Wobei das vielleicht unglücklich formuliert ist; denn letztlich schöpfe ich diese Kraft aus mir und raube sie nicht den Kleinen. Doch sind sie Motivation, Ansporn und Begeisterung. Nur eben dieser chronische Schlafmangel, der mich bisweilen in einen surrealen und dünnhäutigen Zustand versetzt, macht mir zu schaffen. 

Hier nutzt es mir auch nichts, hier und da ein paar Stündchen über Tag zu schlafen, denn die Müdigkeit ist keine, die ich permanent im Sinne von zufallenden Augen empfinde. Unterschwellig ist diese chronifizierte Müdigkeit jedoch ständig gegenwärtig und lähmt mich. Ich fühle mich wie in einem Sumpf, der mich in seine warme wabernde Masse hinabziehen möchte, dröge, sauerstoffarm, das Denken betäubend. Im Gegensatz zu damals im Studium als die Müdigkeit des ersten Semesters den Tatendrang beflügelte und Träume in die Realität holte.

Beide Episoden der Müdigkeit lassen sich sicherlich nicht vergleichen. Ich bin nicht nur im Schlafrhythmus fremdbestimmt, ich bin auch älter geworden. Es gesellen sich heute auch Sorgen in die Schlaflosigkeit, die ich damals nicht kannte: Sind es die Zähne, die ein Kind zum weinen bringen? Haben sie Ohrenschmerzen? Hat Hannah Hirndruck? Sind die Alpträume normal? Muss mir der Zornickel Gedanken machen? Man kommt leichter in den kurzen Schlaf, wenn man nur darüber nachdenkt, ob ich denke, also bin ich eine sinnvolle Behauptung ist, oder ob diese nicht zu viele Voraussetzungen in sich birgt. 

Nebenbei flattern Terminzettel durch meinen Kopf: Frühförderzentrum, morgen Optiker, Sehschule, Physiotherapie, Kinderarzt undundund. Die Pausetaste funktioniert nicht mehr, es gibt keinen Sand mehr für mich, in den ich meinen Kopf stecken könnte, denn da sind diese zwei Knirpse, die jeden Tag etwas Neues entdecken wollen, die mit all ihren Sinnen die Welt erfahren möchten. Hannah spricht immer mehr, sie plappert nach, spricht selbständig Wörter wie trinken, essen, Bär, Becher, arbeiten, Pier (Papier), Katze, usw. Philipp malt stapelweise Papiere mit Autos, Baggern, Fröschen und Eiskugeln voll, er liest die einzelnen Buchstaben, die auf den Puzzlematten verteilt auf dem Boden liegen. Und natürlich baut er und setzt große Puzzle zusammen, sofern seine Schwester ihn lässt. Gestern baute er im ersten nassen Novemberschnee Straßen für seine Kipper, während Hannah auf meinem Arm Schutz vor dem unbekannten kalten Weiß suchte. Momentan hat nämlich auch die mutige Hannah so manche kleine Ängstlichkeit entdeckt.

Abends liege ich also im Bett, denke an die großen und kleinen Schritte, die Hannah und Philipp wieder gegangen sind. Ich lausche ihrem Atem, darauf wartend, dass ein Kind bald erwacht; meist ist es ja Hannah, die aus dem Schlaf hochschreckt. In mir rasen so viele Fragen, so viel Erleben zeigt sich in meinem Kopf. Es scheint fast, als wolle ich abends in der kurzen Ruhepause, die mir bleibt, alles bewerkstelligen: Planen für die nächsten Tage, abschalten, schreiben, lesen, den Ausklang des Tages genießen und mich erholen. Ein wenig viel Programm für so wenig Zeit.

Und vielleicht klappte es damals auch nur, weil Vorlesungen immer nur drei Monate gehen und ich im zweiten Semester schon erheblich mehr Schlaf für mich fand. Damals waren es Wochen, jetzt reden wir von Jahren. Und ich versuche nun, bevor das erste Kind erwacht, ein wenig ins Reich der nächtlichen Träume zu finden. Vielleicht gelingt es ja.