Das Schweigen im Meer

Oder auch das Schweigen zum Meer?

Eigentlich bin ich ja noch immer in meiner Lern- und Lesepause und wollte das Schreiben erst nach meiner Prüfung wieder aufnehmen. Selbst Würzburg, dort waren wir letzte Woche wieder zur Kontrolle und bei Hannah ist gegenwärtig alles im grünen Bereich, habe ich nicht als Anlass zum Schreiben verwendet. Tatsächlich liegt gerade auch die Biografie Kafkas neben mir und wartet darauf, weiter gelesen zu werden. Doch es gibt einfach Dinge, die mich einerseits sprachlos werden lassen, anderseits aber verbieten, zu schweigen.

Gestern war ich mit den Kindern im der Stadt. Wir hatten den ersten Kindergartenferientag und einen Termin. Etwas zu früh vor Ort, sind wir also noch ein wenig umhergelaufen an diesem ersten Tag der Sommerferien. Ampeln, LKWs, Busse: Die Kinder waren begeistert. Und ich hielt meine bald zweijährige Tochter an der einen und meinen dreieinhalbjährigen Sohn an der anderen Hand. Kurz nachdem wir eine Straße an einer Ampel überquert hatten, hörten wir das Martinshorn. Wir steuerten gerade eine Bäckerei an, da fuhr auch schon der Notarztwagen an uns vorbei. Schon seit Philipp erstmals beigeistert nach einem Rettungswagen im Einsatz schaute, fand ich die Situation etwas skurril, wenn Rettungsfahrzeuge an uns vorbeifahren: Mittlerweile erfreut sich sowohl Philipp als auch Hannah daran, während ich immer denke: Irgendwo ist irgendwas passiert, möglicherweise etwas sehr Schlimmes und meine Kinder brechen bei Blaulicht nahezu in Jubelstürme aus. Sie wissen natürlich nichts über die Dramatik, die sich dahinter versteckt und es schadet sicherlich nicht, wenn sie ein positives Grundgefühl zu Rettungskräften entwickeln. Dennoch empfinde ich diese Momente stets mit einer gehörigen Portion Ambivalenz. Gestern jedoch war es ein anderes Gefühl, dass ich gar nicht so ganz fassen kann. Spätestens als auch der Rettungswagen dem Notarzt folgte, wurde aus dem schweren Kloß in meinem Hals etwas Tränenverhangenes. Ich drückte wohl die Hände kurz etwas fester, ich behielt die Bäckerei im Blick, doch dieses mulmige Gefühl verzog sich nicht. Mitten im Stadtverkehr, beim Kauf der Brezeln für die Kinder, beim Termin und während der Autofahrt nachhause blieb wenig Zeit, um über diese beklemmende Erfahrung nachzudenken, doch kam mir immer wieder dieser Moment in den Sinn.

Zuhause trieb es uns dann erst nocheinmal in den Garten: Gießen, Salat ernten, Kater streicheln, Baustelle spielen, mit Kreide malen, einen toten Käfer betrauern, der Philipp zu Tränen rührte, als er ihn unter einem Eimer fand. Anschließend: Abendessen, baden, die Kater füttern, Geschichten vorlesen, Lieder singen. Es blieb also dabei: Kaum Zeit für Gedanken.

Doch die Nacht ist, zumindest bei mir, eine Zeit, die das Denken befördert. Nicht ohne Grund habe ich stets mein Notizbuch neben mir am Bett liegen. Und so dachte ich also nach, rechts von mir den Atem meiner Tochter hörend, links von mir den Atem meines Sohnes. Und leise auch das Schnurren der Kater. Der Liebe zu meinen Kindern, egal wie sehr sie mich bisweilen zur Verzweiflung bringen, bin ich mir jederzeit bewusst, doch gerade in diesem Augenblick traf mich dieses Gefühl mit aller Wucht und der Kloß vom Morgen kehrte zurück.

Ich denke in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, wie sehr die Sprache verroht und sehe tagtäglich, wie mit der Sprache auch unsere gesellschaftlichen Handlungen verrohen. Ja, Sprache ist eben auch Handeln. Und bestimmte Kreise haben mit ihrer brutalen, menschenverachtenden Strategien nicht bloß das Internet verseucht, sondern das gesellschaftliche Klima. Ich bin davon überzeugt, dass diese von Hass zerfressenen Menschen eine Minderheit darstellen, die lediglich sehr laut ihren Hass in die Welt hinausschreit. Doch ihnen ist es gelungen, dass eine eiskalte Politik in ihren Dienst getreten ist, aus Angst, man könne andernfalls Stimmen verlieren. Dass damit aber die menschliche Mehrheit übersehen wird, wird überhaupt nicht verstanden. Stattdessen eignet man sich eine Sprache an, die das Unsagbare wieder sagbar macht. Gerade bin ich in meinem Lesemarathon durch mit Böll, Bachmann und Borchert, habe deren Ringen um eine neue Sprache, um einen Ausdruck nach Auschwitz verfolgt und kann nicht fassen, dass man heute ernsthaft wieder vertreten kann, der Tod von Menschen sei hinnehmbar, ohne dabei sich moralisch vollkommen zu blamieren. Wir lassen ernsthaft zu, dass Ersthelfer kriminalisiert werden, dass gesagt werden darf, wenn nicht gerettet würde, dann kämen auch nicht mehr so viele Menschen übers Meer. Abgesehen davon, dass dieses Argument nachweislich falsch ist: Die Seenotrettung organisierte sich in dieser Form, weil so viele Menschen kamen und ertranken. Die Schlepper gab es schon davor und Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen, fliehen, denn jede noch so kleine Hoffnung ist eine Hoffnung, an die wir uns alle klammern. Wenn wir also die Helfer kriminalisieren, deutlich gesprochen heißt das also auch, dass der Notarzt- und der Rettungswagen von gestern zu kriminalisieren wären, schließlich waren diese auch gerade auf dem Weg, Menschen in einer Notsituation zu helfen, und zwar ohne Fragen zur Schuld; wenn wir also diese Kriminalisierung vornehmen und zulassen, dass Seenotretter angeklagt werden, wenn wir erlauben, dass man mit dem Muster wenn-genügend-ertrunken-sind,-dann-kommt-schon-keiner-mehr-nach argumentieren darf, dann geben wir alles an europäischen Werten preis, was uns einst auszeichnete und unsere Stärke war. Zumal wir hier ein Verhalten kriminalisieren, dessen Unterlassen nach allgemeinem Verständnis strafbar ist: Wenn ich zu einem Unfall komme und nicht helfe, mache ich mich mindestens der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Wenn ich zudem noch eine Garantenstellung habe, beispielsweise als Ärztin, dann wird dieses Unterlassen nochmals schlimmer. Aber im Mittelmeer sollen wir plötzlich eine Situation anders bewerten und unter anderem auch Kinder ertrinken lassen?

Und für all diejenigen, die behaupten, wir könnten doch nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen: Darum geht es doch bei der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr! Es geht darum, dass wir Menschen im Meer ertrinken lassen. Die Frage, wie wir in Asylfragen verfahren, ist sekundär. Es geht darum, dass wir Hilfe leisten müssen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wie zynisch-pervertiert muss eine Haltung sein, wenn man ernsthaft möchte, dass Menschen als abschreckendes Beispiel ertrinken? Wie wenig Menschlichkeit trägt man noch in sich, wenn man sagt, die sind doch selbst schuld!

Wer von diesen unmenschlichen Rednern würde denn nicht, wenn seine Kinder von Hunger, Tod, Krieg, Krankheit und Gewalt bedroht würden, alles versuchen, diese in ein sicheres Land zu bringen? Also ich täte dies. Sicherlich mit einem mulmigen Gefühl, doch manchmal gibt es einfach keine Alternative mehr, egal wie schwer die Angst auch wiegt. Ich glaube, abgesehen von Einzelfällen, die aufgrund ihrer Biografie schwierige Voraussetzungen haben, dass eines uns Menschen (und auch unzähligen Säugetieren) gemein ist: Wir lieben unsere Kinder. Die Liebe, die ich für meine Kinder empfinde, diese Radikalität, die dieser Liebe innewohnt, teile ich mit nahezu allen anderen Eltern dieser Welt. Wie kann ich also Eltern oder auch Großeltern den Wunsch absprechen, ihre Kinder retten zu wollen? Wie kann ich Menschen überhaupt den eigenen Lebenswillen und die Sehnsucht nach einem besseren Leben absprechen? Und wir reden hier nicht davon, dass Menschen bloß Luxus suchen, nein! Wir reden von Essen. Von Frieden. Von Sicherheit. Von medizinischer Versorgung. Von Bildung. Wir reden von der Sehnsucht nach einem Minimum.

Dieser Text fällt mir äußerst schwer. Denn am liebsten würde ich wegsehen. Nicht, um zu ignorieren und um nichts zu wissen, sondern um es zu ertragen. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man angesichts der Bilder und Berichte bei dem Zynismus unseres unerträglichen Innenministers bleiben kann. Die Berichte werden körperlich. Ähnlich ergeht es mir mit Erzählungen, Bildern, Berichten aus der Zeit des Dritten Reichs. Ich ertrage es kaum, mir wird bisweilen schlecht und ich weiß nicht, wohin mit all der Wut, der Trauer, der Verzweiflung. Es ist nicht auszuhalten. Ich will nicht wegsehen, um zu tun, als gäbe es all dies nicht. Ich will wegsehen, um dieses Leben noch zu ertragen und zugleich dagegen angehen, dass diese Unmenschlichkeit in unserer Gesellschaft um sich greift. Ich will aufschreien gegen all das Unrecht, aber der Aufschrei zerreißt mich schier. Wie können manche Menschen ihre Haltung bewahren und den Holocaust abwinken, während sie zugleich fordern, Menschen samt Kindern ertrinken zu lassen? Wie hält man sich selbst aus, wenn man das fordert? Wie erträgt man die Bilder im Kopf? Die ertrinkenden Kinder?

Ich kann es nicht begreifen, ich will es nicht begreifen. Ich weiß nur, dass wir übers Meer nicht schweigen dürfen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass Rettungskräfte kriminalisiert werden. Über den Umgang mit Asylbewerbern kann man reden, hier kann man unterschiedliche Meinungen vertreten, ohne sich völlig von Ethik und Moral zu verabschieden. Nicht verhandelbar ist allerdings eine Sache: Die Rettung von Menschen in Not. Wenn ich daran denke, mit welcher Spannung und Anteilnahme die Rettung der in einer Höhle eingeschlossenen jugendlichen Fussballern verfolgt worden ist, bekomme ich abermals ein beklemmendes Gefühl. Klar, man darf Leben weder qualifizieren noch quantifizieren. Doch hier ging es trotzdem um dreizehn Menschenleben, im Mittelmeer ertrinken tausende. Natürlich war es richtig und wichtig, alles zu tun, um die Jungs samt Trainer zu retten. Doch warum nehmen wir als Gesellschaft an der ersten Tragödie empathisch Anteil und bedenken die Toten des Mittelmeers allenfalls mit einem Achselzucken?

Ich selbst kann nicht durchs Mittelmeer schwimmen und Leben retten. Aber ich möchte, dass mein Europa Verantwortung übernimmt und dort Menschenleben rettet. Tatsächlich ist es erschreckend, dass die Seenotrettung gegenwärtig privat erfolgen muss und die EU nicht selbst tätig wird. Ein Skandal ist, dass man die Lebensretter jetzt auch noch aktiv an ihrer Arbeit behindert und kriminalisiert, sie gar auf die Stufe mit skrupellosen Schleppern stellt. Ein Armutszeugnis für Europa; ein Armutszeugnis, das Leben kostet.

Und diese Schuld tragen wir, nicht die Generation unserer Großeltern. Das Mittelmeer wird unsere Schande sein, für die wir verantwortlich sind. Es sind bereits zu viele Menschen grausam gestorben. Es kann und darf nicht so weitergehen. Wir dürfen nicht wegschauen. Save our souls; das gilt zwar zunächst für die Menschen in Not, doch es geht ebenfalls um unsere europäische Seele. Und damit meine ich nicht zwangsläufig eine religiöse unsterbliche Konstante, die dem Menschen innewohnen soll, sondern unsere Menschlichkeit, unsere moralische Integrität, unsere Empathie: Save our souls! Es liegt an uns.

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Ein Vogelschiss

Eigentlich, ja: eigentlich! Ich wollte hier eine Weile pausieren, denn Kinder, Kater, Alltag, Termine und Lernen für meine mündliche Prüfung sind einfach ein strammes Programm. Aber mir lässt der Schiss des Vogels einfach keine Ruhe. Wir haben übrigens auch gerade mehrere davon optisch hässlich auf unserer schönen restaurierten Bank im Garten, auf der die Kinder so gerne sitzen. Die kann man aber recht einfach wegwischen und dann sieht die Bank wieder richtig adrett und schmuck aus, ganz so, als sei da nie ein Vogelschiss gewesen. Und genau deshalb ist dieser erbärmliche Vergleich eines Mannes, dessen Namen ich hier einfach nicht nennen möchte (zumal jeder weiß, wer gemeint ist), einfach barbarisch, feige und falsch.

Ich weiß, die Medien haben sich längst über diese Aussage echauffiert, man hat allerlei dazu gelesen und ich komme nun recht spät mit meinem Text. Doch ist Schnelligkeit nicht immer günstig für die Reflexion. Zwischen Reflex und Reflexion bestehen nämlich erhebliche Unterschiede. Wobei selbstverständlich und auch richtigerweise eine unmittelbare Empörung auf diesen Vergleich der NS-Zeit mit den Fäkalien eines Vogels zu erfolgen hatte und auch erfolgt ist. Solch einen Dünnschiss im geistigen Format, man verzeihe mir hier die Ausdrucksweise, aber stilistisch passt es gerade einfach zu gut, kann man nicht unkommentiert stehen lassen. Dennoch muss nicht jeder Mensch sofort und sogleich in den Raum brüllen, was er denkt. Oder man distanziert sich zunächst lediglich, um differenzierter auf das Gesagte einzugehen.

Setzen wir die Vernunft voraus, so dürften wir uns schnell einigen können, dass der unerhörte Satz tatsächlich einen Schlag ins Gesicht all jener bedeutet, die unter diesem Vogelschiss zu leiden hatten. Und nein, nein, nein! Der Satz wird auch nicht gerettet, wenn der Vogelschiss sich, wie mancher Parteigenosse im Anschluss zu verdeutlichen suchte, sich auf die zeitliche Dimension angesichts einer tausendjährigen Geschichte der Deutschen beziehe. Zumal ich mich Frage, wo bitte diese tausend Jahre Geschichte der Deutschen versteckt liegen. Auch hier verzeihe man mir, schließlich habe ich ja nur Philosophie und Germanistik studiert; da ist mir beim Mittel- und Althochdeutsch Lernen wohl schlichtweg entgangen, dass es damals schon die Deutschen im völkischen Sinne gab. Doch selbst wenn wir mal annehmen, die bunten Stämme und Gruppe als Vorläufer der späteren Deutschen zu begreifen und sie daher großzügig als Deutsche bezeichnen wollen: Wie viele Vögel haben denn da ihre Stinker hinterlassen? Sind wir denn stolz auf die Kreuzzüge? Auf die Hexenverbrennung? Auf die Untaten im Dreißigjährigen Krieg? Sind wir stolz auf all die Brutalitäten aus dem Mittelalter? Auf die Willkür? Auf die Blankovollmacht später, die in den ersten Weltkrieg führte? Ich wäre da vorsichtig.

Ohnehin ist es mit dem Stolz so eine Sache. Ich bewundere beispielsweise Kafka; allerdings kann ich nicht auf sein Werk stolz sein, nur weil es im derselben Sprache wie der meinen geschrieben ist. Ich habe es schließlich nicht geschrieben. Auch bin ich beeindruckt von Nietzsche, stolz kann ich auf sein Werk jedoch ebenso wenig sein. Das könnte ich so fortführen und käme immer wieder auf dasselbe Ergebnis. Hingegen bin ich stolz auf meine Kinder, weil ich einen Anteil an ihrer Entwicklung trage; primär allerdings liebe ich sie. Ich bin stolz auf meine Arbeit über Nietzsche, ich bin stolz auf meine Lyrik, auf meine Texte. Für manche, gestehe ich ebenso, schäme ich mich auch. Auf eine deutsche Geschichte, egal wie lange sie nun auch währt, bin ich nicht stolz. Tatsächlich bin ich aber froh, Deutsche zu sein: Ich liebe diese Sprache, in ihr finde ich meinen Ausdruck (und oft genug ringe ich um diesen). Ich kenne diese Kultur und ich bin zuhause im deutschen, wohl eher sogar im europäischen, Raum. Angesichts unserer Lebensbedingungen kann ich mich glücklich schätzen, hier zu leben. Damit werde ich allerdings nicht besser oder schlechter als andere Menschen in ferneren Ländern. Ich hatte einfach Glück zu dieser Zeit an diesem Ort geboren zu werden.

Was wühlt mich nun am Vogelschiss so auf? Er reiht sich schließlich ein zum Schießbefehl auf Kinder und ähnlichen Ungeheuerlichkeiten.

Zum einen denke ich, wir dürfen nicht zulassen, dass diese Ungeheuerlichkeiten achselzuckend hingenommen werden. Wer die Millionen Toten auf die Stufe eines Vogelschisses stellt, den ich einfach von der Gartenbank wischen kann, äußert Unmenschlichkeit. Und er zeigt, dass er zu feige ist, sich zu erinnern. Denn eines haben wir in der BRD nach mühsamen Ringen über Jahre und Jahrzehnte geschafft: Uns zu erinnern. Ich bin nicht einmal mehr Kind der sogenannten Tätergeneration, sondern Enkelin. Meine Kinder sind schon Urenkel. Und so nebenbei: Ihre Urgroßeltern waren zu jener Zeit zu Teil selbst noch Kinder oder hatten sich einerseits den jüdischen Großvater aus Unterlagen vernichtend zu retten versucht und andererseits selbst für Mitmenschen eingestanden. Insofern bliebe mir sogar, zumindest in gerader Linie, moralische Luxus, mich auf der Haltung meiner Vorfahren auszuruhen. Ja, sogar mein Urgroßvater war als Sozialdemokrat Gegner des Regimes. Doch mir ist bewusst, dass der Blick nach links und rechts schnell Parteigenossen, auch begeisterte, ausmachen würde. Und so will ich keinesfalls die Kindheit meiner Großeltern einerseits und die moralische Haltung meiner Oma andererseits sowie das jüdische Blut meines Opas als Ausflucht meiner Verantwortlichkeit verwenden. Denn ich trage diese genauso wie alle Deutschen. Trotzdem meine Kinder nun bereits die Urenkel der Tätergeneration sind, werden auch sie den Schrecken nicht vergessen. Dabei geht es nicht darum, und ich glaube, das verstehen viele nicht, die Schuld zu vererben, sondern die Verantwortung zu übernehmen, und zwar eine Verantwortung, die in die Zukunft weist: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Es erfordert allerdings Mut, dieses Erinnern zu bewahren, damit die Opfer eben doch nicht ganz umsonst waren. Tatsächlich muss allerdings hier Ingeborg Bachmann recht geben: Die Opfer sind umsonst, denn all unser Erinnern verhindert nicht, dass all die gestohlenen Leben hätten weiter leben sollen. Was würde ich gerne verhindern, dass Sophie Scholl ihren Kopf verliert. Wie gerne würde ich das Gas abstellen, anstatt mich zu erinnern und ungeschehen machen, was an Grausamkeiten passierte; die Gartenbank rein wischen und mich gemütlich darauf niederlassen, das Sommergras mit den nackten Füßen bespielen, die glitzernde Sonne in den Blättern betrachten, während ein lauer Wind mit den Schmetterlingsblumen tanzt.

Aber es ist schlichtweg feige, sich nicht zu erinnern, zu verdrängen. Lediglich den Opfern ist zuzugestehen, dass sie, um zu überleben, auch verdrängen mussten. Uns Kindern, Kindeskindern und Kindeskinderkindern bleibt eine Aufgabe, die wir nie vergessen dürfen; und weil sie wichtig ist, hier noch einmal: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

Zum anderen wühlt mich der Vogelschiss gerade besonders auf, weil ich mitten in der Nachkriegsliteratur sitze. Um mich herum: Borchert, Böll, Bachmann. Die Trümmer einer Sprache. Und Adorno fragt, wie nach Auschwitz überhaupt noch Lyrik möglich sei. Das Erstarren angesichts des Unbegreiflichen. Wie können wir noch sprechen, nachdem geschehen ist, was geschah? Wanderer kommst du nach Spa

Die Schrecken des Krieges und die Schrecken der Jahre in diesem faschistischem Regime trafen so viele Menschen. Kinder in Gaskammern, Kinder im Krieg. Familien vernichtet, zerrissen, zerstört. Das wiegt schwerer als tausend Jahre Paradies.

Wir dürfen sie nicht erstarken lassen, die Hetzer und Hasser. Wir müssen uns erinnern, für uns und unsere Kinder, für unsere Menschlichkeit! Es geht um viel mehr als unser kleines Idyll im Garten. Es geht um Freiheit, Demokratie und das Leben selbst!

Ich bin dann auch mal weg …

Da gibt es ein paar Seiten, die noch zu lesen wären. Meine Prüfungsthemen stehen nun fest, nach Jahren des Schreibens gesellen sich zu Nietzsche also auch Kafka und die Nachkriegsliteratur.

Und zwischen den Kindern, unserem Alltag, Schaukelaufbau im Garten, den Bausteinen auf dem Boden, den zusammen mit Kinderhänden gepflanzten Kräutern und Blumen, dem beginnenden Sommer, den neuerlichen Rotznasen bei den Kleinen, Terminen, den Katern und dem kleinen Bücherturm neben mir, bleibt mir kaum Zeit, für eigene Worte. Ich fürchte gar, das wird sich in den nächsten Wochen kaum ändern, schließlich fehlt auf dem beigefügten Foto ein Großteil der noch zu lesenden Literatur, denn mein eigener Text basiert nicht bloß auf Also sprach Zarathustra. Mir bleibt jedoch nur die Nacht zum Lesen; und somit werden meine Nächte kurz, denn die Kinder sind momentan in den frühsten Morgenstunden wach.

Kaffee wird notwendiger denn je. Andererseits fühlt sich das Lesen lebendig und wach an. Auch wenn ich selbst den Weg zu Arno Schmidt wohl niemals finden werde, fesselt mich nach wie vor Bachmanns gewaltige Sprache, Frischs Fragen nach der Identität, das Ringen um Möglichkeiten, Bölls gefallene Helden und selbstverständlich Kafkas Welt, deren verworrene Pfade in jeder Zeile zu erkunden sind. Ich freue mich auf Nietzsche, auf Sartre und all die Gedanken, die ich mit ihnen sowie gegen sie dachte. Schade ist gerade allerdings, dass zu wenig Zeit für all das Leben um mich herum bleibt: Tagsüber füllen die Kinder das Sein und wenn ich nachts lese, dann schreibe ich nicht, da mich irgendwann doch ein kurzer Schlaf überkommt.

Darum also muss ich auch hier pausieren, für eine Weile zumindest. Bis der erste Teil meines Turms gelesen ist. Bis dahin erkunde ich die Welt, denn diese liegt, wie sicherlich bekannt sein dürfte, in den Büchern.

Geschwisterliebe

Vor Jahren bin ich auf meinen alltäglichen Zugfahrten gen Heidelberg auf ein Werbeplakat aufmerksam geworden. Es war für eine Zeitschrift, die in dieser Ausgabe das Titelthema Geschwister trug und der exakte Titel lautete auf diesem Plakat: Du hast mein Ich gemacht. Damals dachte ich viel über diesen Titel nach. Die Zeitschrift selbst habe ich mir zu jener Zeit nicht gekauft, es blieb einfach dieser Titel haften. Als große Schwester eines kleinen Bruders hat mich diese Zeile mit dem gemachten Ich doch sehr beschäftigt; zumal mein Bruder und ich lediglich neunzehn Monate Altersunterschied aufweisen. Wir sind also sehr dicht miteinander aufgewachsen und aneinander gewachsen. Damals hatte ich die Retrospektive vor Augen, meine eigene Vergangenheit und die Frage, wie sich das jeweilige Ich durch den Anderen kreiert hatte. Unsere Streitereien, unsere ganz nahen Momente, unsere Spiele, unsere Ängste, unser Lachen, unsere geteilten Gedanken, unsere Liebe und auch unser Hass mit dieser unbändigen Wut aufeinander kamen mir in den Sinn. Und die Tatsache, dass wir uns arrangieren mussten: Nach all den Streitereien, den Missverständnissen, den kleinen und großen Ärgernissen fanden wir uns immer irgendwie wieder. Und ich möchte, verbunden mit all den Höhen und Tiefen einer Geschwisterkindheit, meinen Bruder nicht missen. Ja, er hat mich tatsächlich auch zu meinem Ich geführt, er hat mich geprägt, meine Welt gestaltet und mich werden lassen.

Und heute sehe ich nun, nachdem ich selbst zwei Kinder habe, die gerade einmal siebzehn Monate Altersunterschied zwischen sich haben, wie Geschwister sich tatsächlich gegenseitig gestalten. Ich erlebe Tag für Tag ihre Streitereien, ihr Schreien, ihre Wut. Und ich sehe ihre Zärtlichkeit, wie sie teilen, ohne dazu aufgefordert zu sein. Wie sie einander helfen, wie der große Bruder der kleinen Schwester die Welt erklärt. Ich sehe, wie sie sich sorgen umeinander, wie sie sich imitieren; wobei gegenwärtig primär Hannah ihren großen Bruder imitiert, aber nicht ausschließlich. Ich sehe, wie sie sich gemeinsam das Leben erobern, wie sie sich aneinander ausprobieren und miteinander das Leben gewinnen.

Vor ein paar Nächten krabbelte Philipp wie üblich aus seinem Bett über den Papa zwischen Florian und mich. Ich muss dazu sagen: Unsere Nächte sind in der letzten Zeit wieder schwierig: Hannah bekommt vier Eckzähne, Philipp wird regelmäßig mitten in der Nacht wach und möchte aufstehen. Und so dauerte es auch in dieser Nacht nicht lange, da fing Hannah an, zu weinen. Bevor ich richtig realisiert hatte, welches Kind nun weinte, krabbelte Philipp über mich, legte sich zwischen Hannah und mich, umarmte seine kleine Schwester und sagte schlaftrunken: Du zu Hannah gehst, du die Hannah lieb hast! (Dazu sei gesagt, dass Philipp momentan von sich selbst häufig noch in der zweiten Person Singular spricht, obschon er immer wieder auch ich verwendet.) Just in diesem Augenblick hörte Hannah auf zu weinen und schlief für eine weitere Stunde ein. Danach wollte sie dann zu mir in den Arm, aber für eine Stunde Schlaf hat der große Bruder mit seiner Liebe gesorgt.

Diese Momente sind es, die mir immer wieder das Herz erwärmen. Und ich erinnere mich, wie glühend meine Wut in Kindertagen auf meinen Bruder manchmal war und wie ungebrochen ich ihn trotzdem geliebt habe. Für all den lauten Streit, das Schubsen, das Wegstoßen und Zanken gibt es das Gegenbild, nämlich dieses unsichtbare Band zwischen den Geschwistern, das Vertrauen, das Wissen um eine Nähe, in der man einander auch hassen darf, ohne die Liebe füreinander zu verlieren. Gewissermaßen bieten sie sich einen sicheren Rahmen für all das soziale Lernen, mit dem wir uns bis an unser Lebensende konfrontiert sehen.

Diese Nacht, von der ich gerade berichte, war übrigens eine Horrornacht. Wenn ich überhaupt auf eine Stunde Schlaf am Stück gekommen bin, ist das viel. Angesichts der vorherigen von Schlafmangel geprägten Nächten kein wünscheswerter Zustand. Dennoch machte die schlaftrunkene Szene geprägt von meinem dreijährigen Sohn diese Nacht zu einem wundervollen Erlebnis.

Und nicht nur wegen dieser bzw. in dieser Nacht bin bzw. war ich froh um unsere Entscheidung für ein zweites Kind. Ich glaube, dass Hannah und Philipp mit all diesen Höhen und Tiefen, mit all den Konflikten und mit all der Harmonie sich gegenseitig bereichern werden. Dabei wünsche ich ihnen, dass insbesondere die Liebe niemals zu kurz kommt, denn gerade davon hat unsere Welt derzeit zu wenig.

Dramen um den Kindergarten: Hannahs Abschiedsschmerz

Am durch den Brückentag langen Wochenende will ich eine Rückschau wagen. Während der Ausreißer Rowdy auf der Couch schläft und der schwarze Hexenkater Zoppo einen Spaziergang in die Dämmerung der sogenannten Hexennacht gewagt hat, denke ich daran, dass der Kindergarten am Mittwoch bereits wieder ruft.

Mittlerweile scheint Philipp sich besser eingefunden zu haben, obwohl er morgens meist nicht hin möchte. Mittags will er allerdings auch nicht mehr nachhause. Tatsächlich hatten wir nach der langen Krankheitspause von Februar bis Ende März einige Schwierigkeiten: Philipp wollte zuhause bei Hannah und Mama bleiben. Es ist nicht ganz einfach, sein Kind gehen zu lassen, wenn es allem Anschein nach nicht möchte. Doch natürlich weiß ich auch, dass der Kindergarten eine Bedeutung für Philipp hat. Er ist nicht unter Schreien und Weinen gezwungen, in den Kindergarten zu gehen. Aber eine gewisse Überredung war beim neuerlichen Einstieg notwendig.

Ich befürchte, dass auch der Mittwoch wieder schwierig werden wird, doch eines habe ich mit Kindern auch gelernt: Meist wird alles anders, als man denkt.

Philipps Drama war übrigens im Vergleich zu Hannahs Abschiedsschmerz kaum vorhanden. Philipp sträubt sich etwas, gegen den Gang in den Kindergarten. Hannah hingegen litt in der ersten Eingewöhnung lautstark. Auf die Hinfahrt freute Hannah sich immer riesig, schon auf dem Heimweg wurde sie stiller. Zuhause angekommen weinte sie unentwegt, bis wir endlich wieder gen Kindergarten fuhren. Anfangs war Philipp ja lediglich knappe zwei Stunden dort. In dieser Zeit brüllte Hannah unentwegt: Phili-Bruder ist? Phili-Bruder hole fahre! Phili-Bruder komm wieder!

Hannah weigerte sich, Schuhe und Jacken auszuziehen. Sie ging keinen Schritt von der Tür weg, sie war nicht zu beruhigen, nur eben durch die Aussicht, zu Philipp zu fahren.

Als wir nach dieser langen Pause wieder mit dem Kindergarten anfingen, fürchtete ich schon, wieder ähnliche herzzerreißende Szenen zu erleben, manchmal habe ich ja gar Philipp früher abgeholt, um Hannah nicht zu lange in ihrem leidvollen Erleben zu belassen. Doch weitgefehlt! Offenbar hat Hannah just in dieser Zeit einen entscheidenden Entwicklungsschritt bewältigt: Sie weiß, dass weg nicht gänzlich weg bedeutet. Sie spricht mittlerweile auch von später und gestern oder morgen. Während ihr Bruder mit dem Gedanken experimentiert, dass auch er einmal ein Baby war und in Mamas Bauch herangewachsen ist, um irgendwann mal ganz groß zu werden, übt Hannah sich in der näheren Vergangenheit. Philipp ist übrigens nicht nur mit seiner Baby-Vergangenheit beschäftigt, sondern auch damit, dass Papa und Mama ebenfalls mal Babys und Kinder waren. Hier eifert Hannah zwar sprachlich durchaus mit, doch das Gestern, Morgen und Heute sind für sie gerade wesentlich spannender und wohl auch eher zu greifen. Doch vielleicht ist dieses Verständnis für die Zeit der Grund, warum sie Philipp allem Anschein nach weniger vermisst. Wobei ich glaube, sie vermisst ihn durchaus noch, hat aber verstanden, dass er wiederkommt. Denn sie sagt noch immer: Hannah Phili-Bruder abholen willt! Woher übrigens das T am Ende von wollen in der dritten Person Singular kommt, vermag ich nicht zu sagen. Allerdings verwendet Philipp dieses T ebenfalls regelmäßig.

Einerseits finde ich es wunderbar, zu sehen, wie sehr die beiden Geschwister doch aneinander hängen. Andererseits quält es mich, wenn eines meiner Kinder weint und innerlich völlig zerrissen wirkt. Insofern bin ich froh, dass unser Wiedereinstieg in den Kindergarten offenbar mit diesem Entwicklungsschritt einher geht, sodass Hannahs Abschiedsschmerz nicht mehr in dieser radikalen Form besteht. Ein bisschen genießt sie jetzt auch die Zeit, in der sie mich für sich alleine hat. Allerdings auch nur bedingt, denn spätestens um elf Uhr holt sie ihre Schuhe und will in den Kindergarten fahren. Ich hoffe, fast sich dies bald zeitlich etwas verschiebt. Denn sobald es morgens nicht mehr allzu kalt ist, will ich mit den Kindern im Babyjogger in den Kindergarten rennen und anschließend mit Hannah zurückrennen. Dann ist die Zeit, die sie ohne Philipp zuhause ist, deutlich reduziert. Und wir waren alle an der frischen Luft. Letzteres sind wir gegenwärtig allerdings ohnehin täglich: Wie könnte es bei diesem Wetter auch anders sein?

Wenn ich mir anschaue, wie rasant Philipp und Hannah sich entwickeln, bin ich beeindruckt, wie schnell aus Babys kleine Kinder werden und wie schnell sie doch schon so groß sind. Und trotzdem sind sie noch immer so klein, so zerbrechlich, so verletzlich und so voller Neugier auf alles, was diese Welt in sich birgt.

Hannah erzählt schon Geschichten, Philipp versinkt in Rollenspiele, sie erforschen die Zeit, lernen Wochentage, Jahre, Stunden und Begriffe. Sie malen das Grau der Steine auf der Terrasse bunt und sind in ihrer Freude, ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrer Liebe so ehrlich-authentisch, ganz ungeschminkt.

Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass meine Geduld an ihnen wächst, dass ich in meinen müden Momenten und in all dem Stress nicht ungerecht werde. Natürlich weiß ich, dass ich das öfter sein werde, als ich es sein will; ich weiß auch um meine Ungeduld und dennoch: Ich will für sie geduldiger werden und mehr malen. Vielleicht auch endlich wieder meine Geschichten schreiben, um manche davon meinen Kindern zu erzählen. Bunt ist jedenfalls eine schöne Farbe und die Welt kann davon mehr vertragen!

Kleine Notiz zur großen Freude

Rowdy kam heute einfach wieder durch die Katzenklappe spaziert. Zoppo saß gerade auf meinem Schoß. Wir schauten uns an, als der Signalton der Klappe zu hören war. Langsam glitt Zoppo dann von meinem Schoß, bedächtig ging ich nach vorne zur Tür. Schließlich wusste ich nicht, in welchem Zustand Rowdy zurückgekehrt war. Verängstigt? Verletzt? Außerdem zweifelte ich noch. Doch eigentlich ertönt der Ton nur, wenn die Klappe durch den Chip der Katzen entriegelt wird. Oder wenn wir sie aktiv ent- bzw. verriegeln. Letzteres tat ich dann übrigens, um zu verhindern, dass Rowdy, sollte er tatsächlich gekommen sein, gleich wieder hinaus würde stürmen können.

Gefunden hatte ich ihn dann zusammen mit Zoppo am Fressnapf. Zoppo war sichtlich irritiert, aber beschnuppert haben sie sich dann doch.

Zwölf Tage warten, hoffen, zweifeln, wünschen. Und jetzt bin ich einfach nur dankbar dafür, dass beide Kater wohlbehalten in ihrem Zuhause sind. Rowdys Verschwinden wird mir ein Rätsel bleiben. Sein Miauen erklärt mir leider nicht, wo er in diesen Tagen geblieben ist. Ich kann nur mutmaßen, doch irgendwie passt nichts so richtig zusammen. Also hoffe ich, dass er genug vom Ausreißen hat und dass Zoppo nicht Ähnliches vorschwebt. Denn gegenwärtig bräuchten meine Nerven diesbezüglich etwas Schonung.

Jetzt hat Rowdy sich zunächst einmal zu Hannah ins Bett gekuschelt, nachdem er den Abend mit Zoppo, Florian und mir sowie einer gewissen Unruhe und latenten Ängstlichkeit im Wohnzimmer verbracht hat.

Ich genieße jetzt diese Nacht ganz bewusst: Beide Kinder schlafen im Familienbett, die beiden Kater sind wohlauf; Rowdy zwar ein wenig dünner als zuvor, jedoch nicht abgemagert. Verletzt ist er nicht. Gefressen und getrunken hat er; und vermutlich wird er heute Nacht irgendwann wieder versuchen, Tunnel im Katzenklo zu buddeln. Wie sehr er doch gefehlt hat! Und welch Erlösung in solch einer Rückkehr liegt!

Ach, während ich nun hier meine kurze Notiz verfasse, hat Zoppo sich zu Rowdy geschlichen und ihn ordentlich geputzt. Wobei man nicht behauptet kann, Rowdy wäre arg dreckig zurückgekehrt; für zwölf Tage Streunerei ist er erstaunlich sauber. Aber Zoppo hat seine Kumpels schon immer gerne geputzt, egal ob dreckig oder nicht.

Katzenjammer

Eigentlich müsste der Titel ja viel mehr Katerjammer lauten, schließlich betrifft mein Jammern hier unseren weißen Kater. Nicht genug, dass wir schon wieder krank sind: Eineinhalb Wochen Kindergarten haben gereicht, um mir abermals meine Stimme zu rauben, Hannah den Schlaf mittels Husten zu stehlen und Philipps Nase zu einem Paradies für viralen Schleim werden zu lassen. Nein, zudem ist Rowdy auf Abwegen. Genau eine Woche nachdem er das erste Mal in seinem Leben für drei Nächte verschwunden war, verschwand er wieder. Morgen ist er dann bereits eine Woche fort. Immerhin ist Philipp dieses Mal nicht ganz so traurig, weil er ja das letzte Mal auch wieder zurückkehrte. Ich hoffe, dass Philipps Wunsch, Rowdy bald wieder zu sehen, ganz schnell in Erfüllung geht, denn eben diesen Wunsch teile ich mit Philipp. Unterdessen spielt Philipp, dass er selbst Zoppo sei und krabbelt durch alle Räume, hebt dabei ab und an eine Pfote, um weiter zu erklären, Hannah sei jetzt der Rowdy. Hannah ruft dann ganz begeistert: Hannah, du Rowdy bist! Und schon krabbeln zwei Kinder zu Katern verwandelt um mich herum.

Zoppo hingegen leidet unter dem Verlust seines Kumpels. Miauend, klagend und schnurrend ringt er um Aufmerksamkeit. Unser Schmusekater schmust gegenwärtig noch mehr als üblich und weicht uns kaum von der Seite, fast so, als fürchte er, wir könnten auch abhanden kommen.

Doch mehr als suchen, Nachbarn befragen, Zettel verteilen und ihn als vermisst melden, steht leider nicht in meiner Macht. Es bleibt die Hoffnung, dass Rowdy den Weg zurückfinden wird und ihm nichts geschehen ist. Vielleicht rettet ihn auch sein Chip und die Registrierung, falls er sich tatsächlich verlaufen haben sollte. Doch das wird die Zeit erst zeigen. Solange harre ich zwischen Bangen und Hoffen; mal überwiegt die Zuversicht, mal eine schwere Traurigkeit. Wie sehr man so ein Tierchen doch lieben kann. Allerdings gilt es auch, die Kinder mit diesen Gefühlen nicht zu überfordern. Zwar halte ich es für richtig und wichtig, dass Kinder auch erfahren, wenn Mama und Papa traurig sind. Schließlich sind dies authentische Gefühle, die sie selbst auch erfahren und zuordnen müssen. Trotzdem darf sie die Traurigkeit der Eltern auch nicht erschlagen, denn irgendwie läuft das Leben weiter. Es ist überhaupt nicht so, dass ich das Verschwinden von Rowdy emotional wegwischen oder ausblenden kann. Ich kann jedoch meinen Kindern nicht zumuten, dass Mama nun nichts anderes mehr denkt und tut. Genauso wie ich mit meiner Erkältung abends auf dem Teppich zusammen mit Zoppo den Federstab jage, um ihm wenigstens ein schwacher Trost für den Verlust seines Spielkameraden zu sein, muss ich mich tagsüber um die Kleinen kümmern. Tatsächlich lenken die beiden Kinder mich mit ihren Fragen, ihrem Lachen, ihren Ideen, ihren Wutanfällen und ihrem gesamten Dasein auch etwas ab. Und so sind manch heitere Momente auch ehrlich und keinesfalls aufgesetzt oder gar vorgespielt. Ich kann ihnen offen begegnen, meine Gefühle zeigen, ohne sie damit zu erschlagen. Es ist ein Unterschied zwischen einem Versinken in Trübsal und einer Traurigkeit, die man offenbart, ohne dabei gänzlich in ihr zu existieren.

Eigentlich hätte ich ja zu gerne endlich über Hannahs Freundin geschrieben, das steht ja immer noch aus. Doch irgendwie komme ich momentan immer weniger zum Schreiben und wenn ich schreibe, gibt es bereits wieder etwas anderes zu berichten. Heute beispielsweise waren wir beim Kinderarzt, um zu klären, ob Philipp wieder in den Kindergarten kann und ob Hannah erneut Probleme mit den Bronchien hat. Zum ersten Punkt: Philipp kann wieder in den Kindergarten und Hannahs Lunge ist frei: Es sind einfach nur fiese Viren. Außerdem waren wir wegen Hannahs Brille in der Sehschule; die gute Nachricht: Sie scheint mit der Brille gut zurecht zu kommen. Und dass sie diese mittlerweile sogar morgens von sich aus verlangt, ist ein sehr gutes Ergebnis für ein noch nicht einmal zweijähriges Kleinkind. Ich könnte von der Mutter schreiben, die Hannah, obwohl ich zuvor schon mehrfach Hannah mit ihrem Namen angesprochen hatte, konsequent für einen Jungen hielt nach ihm gefragt hatte:

Wie alt ist er denn?

Sie wird im August zwei Jahre.

Geht er dann schon in den Kindergarten?

Nein, sie geht noch nicht in den Kindergarten, aber ihr großer Bruder geht seit einigen Wochen hin.

Ach, er hat noch einen Bruder?

Ja, sie ist die kleine Schwester und hat einen großen Bruder.

Was? Er ist ein Mädchen?

Wie kann ein schlichtes Oberteil in blau mit zwei Kränen und Hannahs geliebten Kipper dazu führen, dass all die ausgesprochenen sies und der Name Hannah so vehement ignoriert werden? Und zwar so lange, bis das Wort Schwester fällt.

Nun, von all dem könnte ich ausführlich schreiben, doch dafür bin ich zu müde, zu unkonzentriert und zu krank. Die Konzentration leidet gerade auch darunter, dass ich Zoppo mit einer Hand streichle und ein Auge stets gen Terrassentür blickt: Vielleicht taucht ja plötzlich ein kleines weißes Katerköpfchen auf.

Doch auf Hannahs Freundin will ich nun doch eingehen. Das Mädchen, um das es geht, ist ein bisschen älter als Philipp. Sie hatte sich am letzten Tag vor unserer wochenlangen Kindergartenpause Ende Februar sehr für Hannah interessiert, als ich Philipp abholte. Sie hatte sie angeschaut, mit ihr gelacht und sich gefreut. Sie hatte sich selbst mit Namen vorgestellt und mir dann erzählt, dass die Hannah da ihre beste Freundin sei. Wie schnell die Kleinen doch Freundschaft schließen! Hannah selbst freute sich unsagbar über das große Mädchen, das auch eine Brille trägt und möglicherweise dadurch sogar ein bisschen beeinflusst hat, dass Hannah ihre Brille schlagartig wunderbar fand. Denn wenn wir mittlerweile in den Kindergarten gehen, will Hannah immer ihre Brille tragen. Sie sagt, sie sieht dann den Phili-Bruder besser.

Mich hatte an diesem Tag im Februar berührt, wie ungezwungen, ehrlich und liebevoll das Mädchen auf Hannah zuging. Gerade nach dem unschönen Erlebnis mit der hässlichen Frage, über das ich vor einigen Wochen hier auch berichtet hatte, war das Verhalten dieses Mädchens herzerwärmend. Kinder können zauberhaft sein. Und auch jetzt ist es immer wieder genau dieses Mädchen, das sich, wenn ich Philipp abhole, für Hannah interessiert. Wie man sich denken kann: Hannah interessiert sich ebenfalls für dieses Mädchen und erzählte zuhause bereits: Hannah Greundin hat!

Fast ärgere ich mich, all diese Dinge, Ereignisse und Gefühle in einem Text zusammenfassend darzulegen. Rowdy hätte seinen eigenen Beitrag verdient. Hannahs Freundin ebenso. Und auch über die Sehschule gäbe es sicherlich mehr zu schreiben. Ebenso über unsere letzten Tage: Krank bei fast dreißig Grad im heimischen Sandkasten. Denn beim Wetter der letzten Woche wird man, wie mein Onkel so schön sagte, draußen auch nicht kränker als drinnen. Darum kränkelten wir also unterm Sonnenschirm. Eigentlich ist es ja ein Unding, bei solch sommerlichen Temperaturen hustend und schniefend den Tag zu verbringen. Doch Undinge gibt es so viele; dazu gehört auch das spurlose Verschwinden eines Katers. Wohl ist dies auch dieser berühmte Preis der Freiheit. Doch das Wissen um diesen Preis macht den Verlust nicht leichter.

Ja, es ärgert mich fast, so viel auf einmal zu schreiben, nahezu in einer stenographischen Weise. Doch es ärgert mich eben nur fast, denn das ist auch das, was im Leben passiert: Ereignisse überschlagen sich, sie überschneiden sich, sie überlagern sich. Sie sind einfach da, passieren und wir reagieren. Manchmal ist diese Reaktion etwas aktiver, ein anderes passiver. Letztlich können wir, so lange wir leben, kaum innehalten und das Sein genießen oder intensiv betrachten, denn es fließt immer weiter, es wird anders, weil alles Leben ein Werden ist.

Und in diesem Sinne wird mein Wach-sein nun zu einem schlafenden werden, denn ich bin müde. Und hoffentlich ertönt in der Nacht das Signal der Katzenklappe, das immer dann ertönt, wenn sie sich für einen unserer Kater öffnet. Das müsste dann nämlich Rowdy sein, da Zoppo bereits drinnen ist und wir die Klappe in den Nächten für den Ausgang verriegeln.

Eine Autofahrt

Nur kurz möchte ich mich gerade im Schreiben verlieren, denn wer weiß, wie lange Hannah sich mit ihrem blauen Luftballon, den sie gestern auf der Geburtstagsparty geschenkt bekam, noch von der Tatsache ablenken lässt, dass ihr geliebter Bruder im Kindergarten ist. Außerdem möchte ich die Zeit auch gerne nutzen, in der Wohnung ein wenig aufzuräumen, denn hier herrscht einmal mehr Chaos.

Doch die Rückfahrt von der Spielplatz-Party gestern hat mich durchaus bewegt. Weil unsere Freunde etwas weiter weg wohnen, hatten wir ungefähr eine Stunde zu fahren. Der Geburtstag ging bis 18 Uhr, also war anzunehmen, dass Hannah, die normal zwischen sechs und halbsieben am Abend schlafen geht, einschläft. Folglich habe ich die Kinder schnell entsandet, grob gewaschen und in ihre Schlafanzüge gepackt. Aber: Pustekuchen! Weder Hannah noch Philipp schliefen ein. Stattdessen plapperten beide unentwegt vor sich hin und irgendwann fing Hannah mit den Worten an, die mich so bewegt haben:

Hannah Mama lieb hat! Hannah Phili-Bruder lieb hat! Hannah Papa lieb hat! Hannah Poppo (Zoppo) lieb hat! Hannah Rowdy lieb hat!

Ich möchte nun mit der Aufzählung nicht endlos fortfahren, wegen der klangvollen Wortschöpfung Ongi-Nik möchte ich den Onkel Dominik, also meinen Bruder, aber nicht unerwähnt lassen. Sie sprach von den Opas, den Omas, der Uroma, den Tanten, den Onkeln, dem Cousin. Und Philipp stimmte immer wieder mit ein, dass er ebenso liebt. Und immer wieder sagten mir zwei Kinderstimmen auf der Rückbank, dass sie die Mama lieben.

Das mag nun einerseits nicht außergewöhnlich sein, dass kleine Kinder ihre Mama lieb haben, doch gestern hat mir diese verbalisierte Liebe, die fast durch die ganze Fahrt ausgesprochen wurde nach einem schönen, aber anstrengenden Frühlingstag den Abschluss wirklich versüßt. Und irgendwie war es mir ein Bedürfnis diesen Moment hier festzuhalten.

Unsere Entscheidungen

Ostern neigt sich dem Ende zu. Vermutlich auch die lange Kindergartenpause, denn morgen werden wir den Einstieg wieder wagen. Wir hoffen, dass sich der Krankenstand etwas gebessert hat und wir nicht alsbald wieder mit Lungenentzündung, Grippe und sonstigen Lästigkeiten zu kämpfen haben. Zumal die Pseudokruppgeschichte nicht so spurlos an Hannah vorbeigegangen ist. Wenn das Rotznäschen den Komfort beim Atmen auch nur bedingt beeinträchtigt, wird Hannah nachts nervös. Sie klammert, sie weint, sie spricht über ihre Angst, zwar noch etwas undifferenziert, doch durchaus verständlich: Hannah stört des da! Hannah stört des da Hals! Ich weiß nicht, inwieweit hier die engeren knöchernen Hohlräume eine Rolle spielen, das vermag ich nicht zu beurteilen. Vielleicht hatten wir einfach Glück und Philipp toleriert Rotznasen und deren Folgen besser, weil er eben nie die Atemnot des Pseudokrupps hatte. Aber vielleicht ist es auch gar nicht der Anfall gewesen, sondern eine stärkere Beeinträchtigung bei Erkältungen und einer damit einhergehenden geringeren Toleranz von Rotznasen generell.

Wie dem auch sei: Ich hoffe einfach, dass wir die nächste Zeit im Kindergarten etwas weniger von Krankheiten aller Art verschont bleiben. Zwar gibt es keine Allmacht der Gedanken, es bringt also wenig, einfach positiv zu denken. Doch sich vorher Verrücktmachen hilft auch nichts. Also gehen wir morgen einfach mal wieder gen Kindergarten und packen, damit es sich dann auch lohnt, gleich noch einen Kindergeburtstag obendrauf. Wobei ich mich auf letzteren tatsächlich sehr freue, ebenso Philipp und natürlich: Hannah auch! Denn genau das wären nach diesem Satz ihre Worte gewesen.

Und während bei uns das Leben so weiterfließt, muss ich an einige Dinge denken, die in den letzten Wochen geschehen sind. Manches davon möchte ich an dieser Stelle nicht ausführen, weil es genau betrachtet Ereignisse sind, die mir fern sind, obwohl sie mir sehr nahe gehen und mich tief berührt haben. Mir wird nur immer wieder bewusst, wie zerbrechlich unser Leben doch ist, obwohl es uns im alltäglichen Leben so selbstverständlich erscheint. Dabei haben wir immer nur genau diesen Augenblick. Wir leben hier und jetzt, obwohl wir viel zu oft anderswo sind, anstatt den Moment auch tatsächlich zu leben. Das ist wohl auch etwas, in dem uns die Kinder weit voraus sind. Schade eigentlich, dass sie diese Fähigkeit meist verlieren. Doch unschuldig sind wir daran nicht, schließlich sind wir Erwachsenen es nur allzu oft, die sie in ihrem Spiel, in welchem sie gerade ganz und gar verhaftet sind, das gerade ihre Existenz ist, unterbrechen. Wir unterbrechen, weil wir Termine haben, weil sie jetzt schlafen sollen, weil sie jetzt essen, trinken oder schlichtweg woanders hin sollen. Und ich ertappe mich täglich dabei, sie aus ihrem Augenblick zu reißen. Andererseits müssen wir ihnen natürlich auch Strukturen bieten, wir müssen sie versorgen, auf all ihre Bedürfnisse achten, die sie im Spiel nicht mehr im Blick haben, weil der Überblick noch fehlt. Es ist ein Drahtseilakt und ich wünsche mir, dass ich meinen Kindern trotz all der Struktur nicht das Leben im Augenblick aktiv abgewöhne. Zumal wir aus jenen wundervollen Augenblicken Erinnerungen schaffen können, die uns einst helfen, durch all die schwierigen und schrecklichen Momente zu gehen, die jedes Leben birgt. Natürlich wünsche ich mir für meine Kinder ein Lachen von Anfang bis zum Ende, aber ich weiß natürlich, dass dies utopisch ist. Wir können unsere Kinder nicht vor den Tiefen schützen, wir können sie nur stärken, indem wir sie lieben und begleiten.

Und während also das Leben und der Schmerz, die Abschiede und die Tiefen durch meine Gedanken ziehen, verknüpft sich dies mit einem anderen Themenkreis, der letztlich aber auch genau das berührt: Die Frage nach dem Beginn und dem Ende eines Lebens. Und hierüber wiederum will ich nun nicht bloß rudimentär schreiben, denn dazu lag ein Bericht einer werdenden Mama vor, die öffentlich ihren Weg beschrieben hat. Sie hat, kurzgefasst, zunächst die Entscheidung gefasst, ihr Kind nicht zu bekommen, nachdem eine Trisomie 21 diagnostiziert worden war. Am Tag des geplanten Spätabbruchs ließ das Treten ihres Sohnes im Bauch diese Entscheidung hinfällig werden. Sie spricht in ihrem Bericht dann weiter von dem Glück, das sie nun mit ihren beiden Kindern, denn es gibt noch eine ältere Schwester, empfindet. Zuvor lässt sie auch einen Einblick in ihre Ängste mit einem Kind, das Trisomie 21 hat, zu. Soweit, so gut. Eine persönliche Entscheidung, die auch zu einem Glück für die betroffene Familie geführt hat.

Und inwieweit passt dies jetzt zum ganzen Gedankendunst, der sich in meinem Kopf umhertreibt? Nun, es bleibt selten in unserer vernetzten Welt etwas unkommentiert. Und so liest man hierzu allerhand Meinungen. Meine hier ist übrigens dann eine weitere Meinung, denn wie viele Menschen besitze ich natürlich auch eine.

Die meisten Meinungen, die ich hierzu wahrgenommen habe, sind durchaus auch vertretbar. Viele loben die Entscheidung für das Kind. Und tatsächlich ist es in diesem Fall auch die richtige individuelle Entscheidung für diese Familie gewesen. Ja, es ist sogar wünschenswert, dass Menschen sich für ihre Kinder entscheiden, obwohl sie eine Diagnose erhalten, die bedeutet, kein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Doch man kann diese Entscheidung nicht von jedem erwarten und man kann sie nicht grundsätzlich als die bessere Entscheidung behaupten.

Wir haben mit Hannah das Glück, dass sie im alltäglichen Leben keine Beeinträchtigungen hat, dennoch ist die Diagnose Crouzon-Syndrom eine Herausforderung. Wir müssen als Eltern mit konkreten Ängsten umgehen; Ängste, die bei einem gesunden Kind eher abstrakt als eine eventuelle Möglichkeit vorhanden sind. Man hadert anfangs mit der Situation, man sorgt sich um die Folgen für beide Kinder, man wächst über sich hinaus, bringt plötzlich Energien auf, die man nicht vermutet hatte, zu besitzen und dann knickt man wieder ein, nur um weiter zu gehen, für die Kinder, die man so liebt. Ja, auch Eltern gesunder Kinder wachsen jeden Tag über sich hinaus, doch wie ich bereits sagte: Für sie bleiben manche Ängste in der Regel abstrakt, für uns sind die Stunden des Wartens während einer Operation gewiss. Wir müssen hier durch, und zwar nicht nur noch einmal.

Ich will mich nicht falsch verstanden wissen: Hannah möchte ich um nichts auf der Welt missen. Doch ich bin froh, dass ich während meiner Schwangerschaft nichts von ihrem Crouzon-Syndrom wusste. Ich bin froh, dass niemand mich fragte, ob ich ein Kind mit einem genetischen Defekt auf die Welt bringen möchte. Bevor Hannah geboren wurde, war mir der Begriff Kraniosynostose unbekannt. Was hätte ich damit angefangen, wenn mir von meinem Arzt die Bedeutung erklärt worden wäre? Hätte ich es verstanden? Wären nicht die Ängste zu groß geworden, zu schwach zu sein, um für ein nicht gesundes Kind und für den großen Bruder im Kleinkindalter da zu sein? Hätten die Zweifel an mir selbst ein Leben beendet, das ich nicht missen möchte? Und wäre ich an dieser Entscheidung, wäre sie gegen das Leben ausgefallen, nicht irgendwann zerbrochen? Das sind Spekulationen, ich kenne die Antwort nicht. Gut, ich kenne mich und ich weiß, dass ich mir sehr viele Informationen zu Themen besorge, die mich betreffen oder interessieren. Insofern vermute ich, dass wir uns als Familie auch das Crouzon-Syndrom zugetraut hätten, aber vielleicht möchte ich auch nur, dass es so ist. Vielleicht kann ich auch gar nicht mehr anders entscheiden, weil Hannah existiert und es richtig und wichtig ist, dass sie da ist.

Doch das ist auch nicht mein Punkt. Ich möchte etwas Zurückhaltung anmahnen für die individuellen Entscheidungen, die Menschen treffen. Wie ich bereits schrieb: Es ist wünschenswert, dass Menschen die Kraft und Stärke in sich wähnen, um sich für ein Kind zu entscheiden, dass nicht vollkommen gesund ist. Und tatsächlich glaube ich auch, dass es viele Syndrome gibt, die für die betroffenen Kinder bei entsprechender medizinischer Versorgung die Lebensqualität nicht mindern. Für das Crouzon-Syndrom zumindest kann ich das behaupten, sofern eben bei den Operationen keine Komplikationen auftreten. Wobei ich natürlich auch einräumen muss, dass Hannah, obwohl sie keine leichte Form des Crouzon-Syndroms hat, sehr viel Glück mit ihrer Symptomatik hat. Außerdem ist sie eine kleine Kämpferin mit einem dicken Sturkopf, die sich so schnell nicht entmutigen lässt. Aber es mag auch Erkrankungen geben, die Schmerz und Leid für die Kinder bedeuten. Es mag Eltern geben, die sich mit dem einen überfordert sehen und Eltern, die sich auch mit einer niederschmetternden Diagnose noch stark genug für ihr Kind wähnen. Wir können nicht in die Köpfe des Anderen hineinsehen und deshalb sollten wir einander nicht verurteilen. Denn eins muss eben auch berücksichtigt werden: Es ist nicht nur das Leben des ungeborenen Kindes, sondern auch die bereits biografischen Leben der Eltern und möglicher Geschwisterkinder, die von einer Entscheidung betroffen sind.

Rückblickend weiß ich, wozu ich mich heute entscheiden würde: Für das nicht-Wissen. Selbstverständlich sage ich heute auch, dass ich Hannah nicht missen möchte, doch es wäre anmaßend von mir, zu behaupten, dass ich mich damals auf jeden Fall für ein Kind entschieden hätte. Ich wünsche mir es, denn die hypothetische Überlegung, mich gegen das Leben in meinem Bauch entschieden zu haben, das dann zu Hannah hätte werden sollen, ist furchtbar. Allerdings ist die kleine Hexe mittlerweile eben auch eine biografische Person und diese dann als nie-existent zu denken, fällt schwer; insbesondere, wenn man sie so sehr liebt, wie ich meine Tochter liebe. Folglich ist es richtig, wenn ich mit der heutigen Lebenserfahrung sage: Ich hätte mich fürs nicht-Wissen entschieden. Ich bin dankbar dafür, nicht gewusst zu haben, dass Hannah mit dem Crouzon-Syndrom geboren werden sollte.

Tatsächlich haben wir um die zwölfte Schwangerschaftswoche bei beiden Kindern das Risiko für die Trisomien testen lassen. Damit war zwar noch keine Entscheidung für eine Abtreibung gefallen, wir dachten damals aber, wir wollen uns auf Basis dieses Wissens dann entscheiden. Heute, aber das ist eben meine persönliche Sicht mit meiner persönlichen Erfahrung, würde ich sagen, ich will dieses Wissen nicht. Dieses Wissen wäre dann relevant, wenn man beispielsweise das mutierte Gen bei Hannah ganz früh schon reparieren könnte. Nicht, um den Mensch zu designen, sondern um eine Krankheit, die durchaus schwere Folgen hat, man denke nur an die vielen Operationen, die zum Teil (Mittelgesichtsoperation) wohl auch äußerst unangenehm in der Nachbehandlung sind, zu bekämpfen. Wobei wir hier natürlich vor der nächsten moralischen Frage stehen: Inwieweit ist es legitim, Gene zu verändern. Wo sagen wir dann halt? Und wann genau definieren wir etwas noch als krank? Beim Crouzon-Syndrom mag das noch recht einfach als Krankheit zu bestimmen sein, doch irgendwann kommen wir in einen Graubereich, der dann möglicherweise nur eine Andersartigkeit schon als krankhaft bewertet.

An dieser Stelle will ich auch diesen weiteren heiklen Bereich der genetischen Manipulation nicht abschließend bewerten; ich will meine Sicht erläutern, bin mir aber der Problematik durchaus bewusst. Ich möchte einfach dafür werben, dass wir versuchen, einander zu verstehen. Und dass wir, auch dann, wenn wir eine Entscheidung über Leben und Tod nicht verstehen, zunächst einmal davon ausgehen, dass diejenigen, die sie getroffen haben, ihre ganz persönlichen und individuellen Gründe dafür hatten. Das gilt für Abtreibungen ebenso wie für die Sterbehilfe. Und es gilt in so vielen weiteren Bereichen unseres Lebens. Vielleicht wäre auch unser Leben insgesamt ein besseres, wenn wir zumindest den Willen zu Verständnis aufbrächten und nicht immer gleich wieder gefeiernd lospolterten, wenn andere Menschen andere Entscheidungen für sich persönlich treffen.

Und während wir versuchen, einander zu verstehen, sollten wir nicht vergessen, was unsere Kinder noch tun: Spielend im Augenblick verweilen.

In diesem Sinne wünsche ich eine gute Nacht!

Viren und Bakterien

In meinem Leistungskurs Biologie damals in der Oberstufe, als ich noch jung war, sprach mein atheistischer Lehrer einmal vom Bösen. Er redete zunächst von Bakterien, die zu den Lebewesen zu klassifizieren seien. Bei den Viren merkte er dann an, sei dies jedoch nicht ganz so eindeutig, schließlich können sie sich überhaupt nicht eigenständig reproduzieren. Für ihn jedoch war der Streitstand mit einem Augenzwinkern recht leicht zu beantworten: Etwas, das so böse sei wie Viren, könne nur als Lebewesen betrachtet werden.

Nun, man muss diese Aussage jetzt nicht bis ins kleinste Detail analysieren und auf ihre Ernsthaftigkeit prüfen, doch wenn ich an unsere letzten Wochen denke, da kommt mir das mit dem Bösen durchaus öfter in den Sinn. Natürlich, die bakterielle Lungenentzündung von Hannah war auch nicht prickelnd, aber sowohl Hannah als auch mir half das verschriebene Antibiotikum hier recht gut. Denn natürlich machen wir keine halben Sachen: Ich habe die Lungenentzündung gleich mal mit übernommen. Wie heißt es doch so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und mit einer eigenen Lungenentzündung sorgt man natürlich umso besser für die beiden kranken Kleinkinder … Doch lassen wir den ironischen Ton an dieser Stelle beiseite, denn bei uns wurde es kurzfristig tatsächlich etwas ernster; zumindest fühlte es sich für uns so an.

Das Antibiotikum half uns also recht schnell, während Philipp jedoch immer wieder nach ein oder zwei Tagen mit hohem Fieber zu kämpfen hatte: Ein Virus in seiner beharrlichen Hartnäckigkeit. Hannah hingegen wurde fitter und fitter, montags nahm sie das letzte Mal Antibiotikum, wir dachten schon, hier sei endlich der Krankenstand beendet und am Dienstagabend stand ich schon wieder mit einem furchtbar hustenden Kind, das zunächst Atemnot hatte, im Wohnzimmer: Pseudokrupp. Nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon. Ausgerechnet an diesem Abend hatte Florian eine Teambesprechung und kam spät erst von der Arbeit. Nachdem Hannah allerdings in aufrechter Position auf meinem Arm wieder gut atmen konnte und der Husten aufhörte, entschied ich, den Notarzt nicht anzurufen und hielt stattdessen telefonisch Rücksprache mit meinem Bruder. Da er nicht nur mein Bruder, sondern auch Arzt ist, schien er mir in dem Augenblick ganz geeignet als Gesprächspartner. Seine Frage nach dem bellenden Husten ging dann ja auch gleich in die richtige Richtung. So stand ich also telefonierend mit der wieder schlafenden Hannah auf dem Arm im Wohnzimmer, bis Florian dann auch zuhause war.

Klar war: Bei Atemnot hinaus in die kalte Luft, inhalieren, aufrecht halten und Ruhe bewahren. Letzteres scheint mir rückblickend der zunächst wichtigste Punkt zu sein, denn Hannah war im Bett zunächst panisch. Sie klammerte sich an mich, sie zitterte. Und ich hatte das Gefühl, meine Worte, die nicht viel Inhalt hatten, außer: Mama ist bei dir; ganz ruhig; ich bin bei dir; ich passe auf dich auf, haben ihr tatsächlich mehr Luft verschafft. Sicherlich auch die aufrechte Lage, doch wenn ich eines durch mein eigenes Asthma gelernt habe: Mit Panik und Angst wird es nur schlimmer! Ruhe zu bewahren ist gar nicht so einfach, erst recht nicht, wenn es um das eigene Kind geht. Trotzdem, und das wundert mich, ist es mir gelungen. Wobei mir anschließend, nachdem der Anfall vorüber war, die Knie weich wurden. Übrigens ein Phänomen, das mir schon oft widerfahren ist: In der akuten Situation, in der ich handeln muss, ist diese angespannte Ruhe, das Denken überwiegend. Doch je mehr diese Verantwortung schwindet, sei es, weil die Gefahr vorüber ist oder weil andere Menschen (beispielsweise Ärztinnen und Ärzte) diese Verantwortung übernehmen, desto größer wird dieses mulmige Gefühl in mir. Mir scheint allerdings, dies ist besser, als dann in Panik zu verfallen, wenn man gerade aktiv helfen müsste.

Klar war nach diesem Anfall aber auch der Besuch bei unserer Kinderärztin am folgenden Tag. Und Philipp kam gleich mit dazu, schließlich war er ja auch ständig fiebrig.

Ich kürze an dieser Stelle etwas ab, schließlich will ich heute auch irgendwann ein wenig schlafen. Bei Philipp handelte es sich nach wie vor um einen Virus, den wir irgendwie würden aussitzen müssen. Übrigens bekam er dann am Tag darauf nochmals hoch Fieber, seitdem aber sieht es bei Philipp nun schon ganze neun Tage recht gut aus, abgesehen von dem Rotznäschen. Bei Hannah wurde der Pseudokrupphusten als höchstwahrscheinlich diagnostiziert, wir bekamen Notfallmedikamente, sollte die kalte Luft bei einem erneuten Anfall nicht helfen. Und dann war da noch der Satz: Wollen wir mal nicht hoffen, dass das der Anfang von einem neuen Virus war.

Wie schon gesagt: Donnerstags hohes Fieber bei Philipp, freitags Besserung bei ihm, eine Verschlechterung bei Hannah. Zumindest war sie quengelig. Samstags hielt ich dann ein schwerkrankes Kind im Arm: Hohes Fieber, quälende Hustenanfälle. Immerhin hatte sie noch getrunken, essen wollte sie nichts, ein unruhiger Schlaf in meinem Arm war alles, wonach sie zu trachten schien. Philipp war an diesem Tag wunderbar. Er spielte, er malte, er erzählte mit mir und streichlte seine kranke Schwester. Er half beim Wickeln, er nahm Rücksicht, und zwar mehr als man von einem Dreijährigen erwarten kann. Und so brachten wir auch diesen Tag herum, unsicher, was zu tun war. Zur Ambulanz? Aber was würde dort gemacht? Einen Virus muss der Körper irgendwie alleine bewältigen. Was würde stationär gemacht werden? Fiebersenkende Medikamente und Inhalieren mit Kochsalz wäre wohl zunächst die richtige Antwort. Und das taten wir also zuhause. Mit Saft ging das Fiber immerhin auf 39 Grad zurück und wir schleppten uns im Nebeldunst des Inhalationsgeräts in den Sonntag. Dass ich sonntags dann tatsächlich sagen konnte: Hannah geht es besser! ist zwar einerseits erfreulich, andererseits angesichts ihres immer noch schlechten Wohlbefindens erschreckend. Hannah hatte nun nicht mehr den gesamten Tag verschlafen, dafür starrte sie apathisch Löcher in die Luft. Der Husten war immerhin nahezu verstummt und sie nahm wieder etwas Nahrung zu sich. Ich hatte aber dennoch weiter das Gefühl, ein schwerstkrankes Kind zu tragen. Zumal sie überhaupt nicht von meinem Arm herunter wollte: Ich trug sie also auch in den nächsten Tag. Sie schlief nachts auf meinem Bauch oder in meinem Arm und war in höchster Anstrengung, um das Böse zu bekämpfen.

Und dann? Dann wacht man an einem Montag auf und das kranke Kind, das man durch zwei Tage getragen hat, hochfiebernd, zitternd, hustend, steht da, lacht und läuft: Als sei nichts gewesen.

Okay, man hat es ihr noch etwas angemerkt, aber man hätte nicht mehr vermuten können, wie heftig der Infekt übers Wochenende getobt hatte.

Philipps Kindergartenpause haben wir dennoch verlängert. Was nützt es, wenn er nun, durchaus noch latent krank mit einem kleinen Rotznäschen, seiner Schwester direkt die nächsten Keime präsentiert? Nein, beide sollen zunächst einmal wieder gesund sein, ehe ihr Immunsystem die nächsten Kämpfe ausfechten muss. Wir werden auch die Osterzeit noch als Pause nutzen, um den Kindern noch etwas Erholung zu gönnen. Wir alle brauchen noch eine kleine Auszeit, bevor wir wohl abermals mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Infekten zu tun haben. Seit Januar arbeiten unsere Immunsysteme auf Hochtouren; dieser Zustand strengt an.

Und ich genieße nun hoffentlich auch weiter, dass Hannah seit Montag angefangen hat, sehr zuverlässig durchzuschlafen. Gut, kurz vor fünf will sie aufstehen und frühstücken, doch bislang konnte ich sie dazu überreden, noch weiterzuschlafen und mit der Mama zu kuscheln. Wobei mir dieser zusammenhängende Nachtschlaf ja fast schon unheimlich ist.

In diesem Sinne: Allen eine gute, wenn auch kürzere Nacht, schließlich erwartet uns die Sommerzeit!